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Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 25: Der Verlust der Technikgläubigkeit

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ich sitze mit einigen Arbeitskollegen, die ich bereits seit 20 Jahren kenne, in der Kantine und wir unterhalten uns über künstliche Intelligenz und den technischen Fortschritt im Allgemeinen. Plötzlich sagt ein Kollege, dass er sich gerade eine KI-Freundin zugelegt habe, nachdem seine letzte Beziehung wieder in die Brüche gegangen ist, und dass mit seiner künstlichen Freundin einfach alles klappe. Der Grund sei, dass sie ihm unwidersprochen zuhöre, nur Zeit beanspruche, wenn er sie mit ihr verbringen möchte, und einfach immer freundlich zu ihm sei, egal was er auch erzähle. Auf meine Nachfrage hin, ob er denn nicht das Zwischenmenschliche und das aneinander und miteinander Wachsen in einer Beziehung vermisse, meint er nur, dass das überbewertet sei, und wenn es um die sexuelle Befriedigung gehe, es notfalls auch die Hand oder eine moderne Sexpuppe täte. Er meint, dass sich die modernen Pumpen schon ziemlich real anfühlten.

Ich schließe meine Augen und versuche, die Bilder, die sich in meinen Kopf schleichen, zu vertreiben. Ich frage mich, was der technische Fortschritt noch aus uns Menschen macht und wie wir Menschen, menschlich bleiben.

Vor drei Jahrzehnten, als bei uns zu Hause der erste Computer einzog, war ich noch fasziniert von ihm und den Möglichkeiten, die er bot. Dann kam das Internet in die Haushalte und rückte die Welt zusammen, indem es einem, eine vorher nicht gekannte soziale Vernetzung ermöglichte und das Wissen der Menschheit einem zu Füßen legte, wenn man nur bereit war, danach zu greifen. Doch bald schon verflog die Anfangseuphorie und spätestens mit dem Aufstieg der sozialen Medien wurde ich skeptischer und skeptischer. Wir Menschen wurden zu reinen Konsumenten degradiert, die möglichst lange an ihren digitalen Geräten verweilen sollten, da sie so möglichst viel Werbung konsumierten. Unsere Aufmerksamkeit wurde zu einer Ware, die gehandelt wird und mit der wir vieles, was wir nicht wirklich brauchen, bezahlen. Kurz, mir wurde Angst davor, was die Technik mit uns macht.
Ich denke an die Geschichte des technischen Fortschrittes zurück. Mir wird bewusst, dass über Jahrhunderte der technische Fortschritt und die damit einhergehenden Erfindungen das Leben erleichterten und es lebenswerter machten. Die Kunst, künstlich Feuer zu machen, erschloss den Menschen neue Nahrungsquellen, der Ackerbau eine stabile Nahrungsversorgung, die Dampfmaschine bessere Produktivität und schließlich Waschmaschinen und Geschirrspüler Erleichterungen im Haushalt, sodass man mehr Zeit hatte, sich zu bilden, mit anderen Menschen zu interagieren und kreativ zu sein. Und heute? Heute, geben wir die freie Zeit wieder an die Geräte zurück, indem wir uns durch sie bespaßen lassen und auch immer mehr menschliche Eigenschaften in sie hineininterpretieren, wie Kreativität und zwischenmenschliche Nähe. Wir sehen vermeintliche Erleichterungen, die sie uns bieten, wie das Schreiben von Büchern, das Erzeugen von Musik oder das Formulieren einer Geburtstagskarte. Alles Dinge, die uns einmal Spaß machten und miteinander verbanden. Doch sind wir jetzt nur noch Konsumenten, die künstlich Generiertes konsumieren und höchstens noch den Anschein erwecken, einen persönlichen Bezug zueinander zu haben.

Ich denke an einige Bekannte, die zu all ihren Problemen KI befragen und den Antworten vertrauen, ohne die Quellen zu kennen, aus denen die KI die Antworten ableitet, oder auch nur wissen, wie eine KI überhaupt funktioniert. Das blinde Vertrauen und die Übertragung von Aufgaben, die uns erst zum Menschen machen, an KI, machen mir Angst. Doch nicht nur das. Mit dem Fortschreiten der KI und dem allgemeinen technischen Fortschritt beginnen viele Menschen zu glauben, dass alle Probleme technisch lösbar sind, und so versuchen sie nicht einmal, die drängenden Probleme unserer Zeit zu lösen, denn die Technik oder KI wird es schon richten.
Mir fällt der Begriff der Technikfolgenabschätzung ein, bei dem es darum geht, dass man die Folgen einer Technologie auf die Menschen und die Umwelt untersucht und das am besten, bevor die Technologie in der Breite eingeführt wird. Der Grund dafür ist, dass man sich nur so, auf mögliche Probleme und Nebenwirkungen, die mit ihr einhergehen, vorbereiten und einen gesetzlichen Rahmen schaffen kann. Doch meiner Meinung nach findet eine Technikfolgenabschätzung kaum mehr statt und wir sind stattdessen Versuchstiere, mit denen experimentiert wird, und erst, wenn sich Schäden abzeichnen, Gesetze erlassen werden, wenn es dann noch nicht zu spät ist.

Als die Mittagspause endet und wir uns wieder an unsere Arbeitsplätze begeben, stelle ich für mich selbst fest, dass ich mich und meine freie Zeit, nicht einer Maschine unterordnen möchte. Ich möchte Mensch bleiben und persönlich und direkt mit Menschen kommunizieren und interagieren. Mit nonverbalen Gesten Gefühle zeigen und auch ab und an einmal in ein Fettnäpfchen treten, denn das gehört zum Leben dazu, und nur so entwickelt man sich selbst, und zusammen mit anderen, weiter.

Published inVom Versuch nicht „verrückt“ zu werden