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A girl’s, ahem, human’s best friend

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ich sitze mit einigen Freunden in der Küche meiner Wohnung am Esszimmertisch. Wir haben gespeist und diskutiert, also das, was man macht, wenn man Freunde trifft. Doch ihre Gespräche und ihr Auftreten kommen mir verändert vor, und so betrachte ich sie mir bewusst genauer. Ich sehe mir ihre Mimik, Gestik, ihre Kleidung und Accessoires genauer an. Sie haben sich mit der Zeit verändert. Ich überlege, wie wir uns vor eineinhalb bis zwei Dekaden kennenlernten. Wir waren jung, quicklebendig und meistens abgebrannt und dementsprechend auch gekleidet. Jetzt sah es bei uns besser aus, und meine Freunde zeigten das auch. Sie trugen teuren Schmuck. Die Frauen, Diamantenringe und Goldketten. Und selbst einige Kerle trugen plötzlich eine Goldkette um den Hals und teure Smartwatches, deren Funktionen sie gar nicht nutzten, an den Handgelenken. Von den schweren, pompösen Autos, mit denen sie an diesem Abend vorgefahren waren, gar nicht sprechen. Midlife-Crisis?

Wann hat nur dieser kalte Materialismus in unsere Leben Einzug gehalten? Wann haben wir Unternehmungen, Kultur und die Erweiterung unseres Horizonts gegen diese kalte Zurschaustellung von monetärem Wohlstand getauscht? Eines Wohlstandes, der uns doch persönlich nicht weiterbringt. Der uns doch nicht unsere Herzen erwärmt. Der uns nicht unseren Charakter weiterentwickeln lässt, sondern ihn eher noch korrumpiert. Früher hatten wir doch Verachtung für die Menschen, die so waren, wie wir jetzt sind!
Eine Freundin zeigt eine Goldkette, mit einem Anhänger, die sie um ihr linkes Handgelenk trägt, und sagt: „Schaut mal, was mir mein Mann zu unserem Jahrestag geschenkt hat. Er hat sich wirklich nicht lumpen lassen.“ Ich höre zustimmendes Gemurmel und kann nicht mehr an mich halten. Ich sage: „War das alles, was er dir zu eurem Jahrestag schenkte? Ein kaltes Stück Metall, das wahrscheinlich darüber hinwegtäuschen soll, dass er sehr wenig Zeit mit dir verbringt? Ein Stück Metall, das nur kalt auf deiner Haut liegt und dir nie die Seele erwärmen oder dich kulturell erfreuen wird?“
Meine Freunde schauen mich schockiert an, doch ich kann mich nicht mehr zurückhalten, denn zu sehr liegen unsere Ideale in Scherben vor uns. So fahre ich fort: „Wann habt ihr nur begonnen, euch diesem kalten Materialismus hinzugeben? Wann habt ihr eure alten Ideale vergessen? Früher investierten wir unser Geld und unsere Zeit in die Erweiterung unseres Horizonts. In Kultur und in gemeinsame Zeit, doch jetzt lebt ihr, mehr oder weniger, nebeneinanderher, drückt eure Zuneigung durch kalten Materialismus aus und hofft, dass es keinem auffällt, dass ihr und eure Beziehungen eigentlich schon innerlich tot seid. Wann saßt ihr das letzte Mal zusammen, habt euch vielleicht gar in den Arm genommen, und spracht einfach über eure Leben, ohne mit eurem Materialismus zu prahlen? Wann gingt ihr das letzte Mal gemeinsam ins Theater, auf ein Konzert, oder last einfach mal zusammen ein Buch? Oder, wie wir es früher taten: Wann habt ihr euch zum letzten Mal mit der Hand einen Liebesbrief oder ein Gedicht geschrieben, ohne KI-Unterstützung, um eure Gedanken, Gefühle und eure Zuneigung zu Papier zu bringen?“ Es folgt Schweigen.
Ich stehe auf und gehe zur Toilette. Austreten, Gesicht frisch machen und runterkommen. Auf der Toilette schaue ich in den Spiegel und sehe mein Gesicht. Ich sehe meine traurigen Augen. Ich frage mich, was nur in mich gefahren ist. Ich höre in mich hinein und stelle fest, dass es Unzufriedenheit mit der Welt an sich, mit meinen Freunden und auch mit mir selbst ist. Zu sehr sind das Persönliche, das Selbstweiterentwickeln und das „gut“, im Sinne von „nachhaltig“ und „aufmerksam“, leben, in den Hintergrund gerückt. Zu sehr wurden wir zu den Menschen, die wir einst verabscheuten. Ich wasche mir mein Gesicht und gehe dann zurück in die Küche.

Als ich in der Küche ankomme, spüre ich, wie mir Feindseligkeit entgegenschlägt. Meine Freunde schauen mich an und einer meiner guten Freunde ergreift das Wort. Er sagt: „Während du im Bad warst, haben wir miteinander gesprochen und festgestellt, dass du uns Unrecht tust. Wir haben das Beste aus unseren Leben gemacht, und zum Gutleben gehört nun einmal auch materieller Wohlstand. Es mag sein, dass wir weniger Zeit miteinander verbringen und unser Geld anders als früher investieren, doch so ist nun einmal die Welt, und einer oder auch wir zusammen, werden sie nie ändern können. Finde dich damit ab.“ Ich erwidere traurig: „Wenn alle so denken, wie ihr, ändert sich nie etwas. Ferner ist es doch auch so, dass der überbordende Materialismus häufig nur dazu dient, vor anderen anzugeben, und nicht dazu, die Herzen anderer Menschen zu erwärmen. Ein geschenkter Goldring stellt in unserer Gesellschaft nur etwas dar, weil er zeigt, dass der Beschenkte dem Schenkenden finanziell etwas wert ist. Der Beschenkte dankt und sonnt sich im Neid der anderen. Ach, wie spröde ist dagegen ein handgeschriebenes Gedicht oder ein Liebesbrief. Ein Ding, das vermeintlich bis auf Tinte und Papier nichts kostet. Wie sollte man damit angeben, wenn es Gefühle, Gedanken und Worte enthält, die man anderen nicht zeigen möchte oder die andere nur schwer verstehen können? Sie sind nicht zum Angeben und man vergisst die Gedanken, die sich der Schreibende machte, und die Zeit, die er investierte. Die Zeit, die doch eines der kostbarsten Güter ist, die man besitzt, und die allemal mehr wert ist, als der schnöde Mammon. Deswegen hört auf, mit eurem Materialismus zu protzen, und investiert eure Zeit und euer Geld ineinander, in ein nachhaltiges und bewusstes Leben und in die Erweiterung eures Horizonts, denn nur so kann man die Welt, seine Beziehungen und sich selbst besser machen, anstatt wie ein kalter Diamant, der Licht nur reflektiert, aber nie erzeugt, in die Welt zu blinken.“
„So lassen wir nicht mit uns reden!“, schreit mich mein guter Freund, der Wortführer, an. Die anderen Anwesenden nicken zustimmend. „Wir gehen!“, schließt er, und alle stehen auf und verlassen meine Wohnung. Ich setze mich hin und frage mich, was nur in mich gefahren ist, doch als ich die Motoren der hochmotorisierten Autos meiner Freunde, die losfahren, durch die Scheibe höre, wird mir bewusst, dass ich einfach kein Leben mehr leben möchte, das meine Ideale verrät, und ich meine Zeit, anstatt schnöden Mammon, in meine sozialen Beziehungen investieren möchte, um so Freunden nah zu sein und immer wieder eine Freude zu bereiten, denn vielleicht gelingt es mir ja so, die Welt, zumindest im Kleinen, ein Stück weit besser zu machen.

Als ich abends allein in meiner Wohnung sitze, schreibe ich noch ein Gedicht:

Der schnöde Mammon kann kein Herz erfreuen,
auch wenn sie es uns von klein auf einbläuen,
denn es ist nur ein oberflächliches Gut,
in dem keine wirkliche Aufmerksamkeit ruht.

So bildet euch kulturell weiter,
und zusammen mit Freunden lebt ihr heiter,
wenn ihr Zeit und Aufmerksamkeit investiert,
und nicht nach materiellem Überfluss giert.

Nehmt euch Zeit und in den Arm,
denn dann werden euch die Herzen warm,
und ihr braucht nicht kalt zu scheinen,
und innerlich zu weinen.

Denn das Glück liegt ganz nah,
wie es jeder schon sah,
der sich wirklich auf andere einließ,
und den Materialismus aus seinem Leben verstieß.

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