Ich wache auf. Mein Kopf brummt und mir ist schlecht. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es eigentlich Zeit wäre, aufzustehen. Doch ich kann mich nicht dazu aufraffen und denke, dass es ein guter Tag wäre, einfach einmal liegenzubleiben und die Welt, Welt sein zu lassen.
Der Grund für meinen Unmut liegt darin, wie der letzte Abend verlief. Es war eigentlich ein angenehmer Abend. Ein Treffen mit Vereinskameraden auf einer Kerwe, in der ländlichen Pfalz. Die Musik, die lief, fand ich eher mittelmäßig, und auch die Lautstärke und der Zigarettenrauch, der einem ständig in die Nase stieg, waren nicht angenehm. Doch das Zwischenmenschliche machte es wieder wett, denn einige der Vereinskameraden hatte ich schon lange nicht mehr gesehen und so gab es viel zu erzählen.
Die Zeit verging und so kam es schließlich zu dem Moment, der mir den Abend verhageln sollte. Der Moment, der mir erneut einen Kratzer auf meiner Seele bescherte, als hätte sie nicht schon genug Kratzer und Narben im Laufe meines Lebens erhalten.
Meine Gedanken versuchen abzutriften. Sich nicht an die Geschehnisse der letzten Nacht zu erinnern. Doch ich lasse es nicht zu. Ich zwinge sie, zu dem Moment zurückzugehen, in dem es schon Nacht war und viele meiner Freunde mehr als genug getrunken hatten.
Meine Freunde und ich saßen an einer Biergarnitur und wir unterhielten uns über dieses und jenes, als plötzlich zwei Freunde, die mit mir auf der einen Bank saßen, aufstanden und die Hebelgesetze ihr Werk verrichteten. Wie in Zeitlupe sehe ich das Geschehen noch einmal in meiner Erinnerung. Ich sehe, wie ich am äußersten rechten Rand der Bank sitze, und die linke Seite der Bank hochschnellt, als zwei meiner Freunde, die zusammen mit mir auf der Bank saßen, sich gleichzeitig und relativ schnell nach hinten erhoben, da sie sich zusammen noch Bier holen wollten. Ich merkte, wie ich mich dem Boden entgegen senkte und das rechte Bein der Bank als Mittelpunkt einer unheilverkündenden Wippe diente, wobei mein Körper das Gegengewicht war. Ich fing mich noch halbwegs mit der rechten Hand am Boden ab, so dass ich nicht ganz von der Bank fiel, doch gleichzeitig hörte ich es knallen, als die linke Seite der Bank gegen den Tisch stieß.
Die Bank schnellte also nach oben, gegen den Tisch, und brachte alle Gläser zum Wanken. Mir blieb schier das Herz stehen, als ich all die Gläser hin- und herschwingen sah. Ich dachte an all die Scherben, die es gleich geben könnte. Doch die meisten Gläser beruhigten sich wieder und kehrten in ihre stabile Ausgangslage zurück. Die meisten, bis auf eins. Ein halb volles Glas, das der Freundin eines Vereinskameraden gehörte, die auf der anderen Bank saß. Ein Glas, das sie recht nah, um nicht zu sagen, zu nah, wie sich jetzt herausstellte, an die Tischkante gestellt hatte. Durch die Vibrationen war es gewandert. Soweit gewandert, dass sein Schwerpunkt plötzlich außerhalb des Tisches lag, wenn auch nur wenige Millimeter. Doch die reichten. Ich wollte noch Achtung schreien, doch es war zu spät. Langsam aber stetig kippte das Glas um und entleerte seinen Inhalt, eine Rotweinschorle, über das Top und den Rock der Bekannten.
Das war dann auch der Moment, an dem der Abend gänzlich den Bach herunterging. Ich entschuldigte mich gleich bei ihr und fragte, ob ich dieses Missgeschick irgendwie wieder gutmachen könnte. Doch sie reagierte nicht. Doch nicht nur das. Als meine anderen Vereinskameraden sahen, dass sich niemand verletzt hatte, lachten sie und meinten, dass ich wohl etwas in den letzten Jahren zugelegt hätte, denn früher wäre mir das nie passiert.
Ich erwiderte nichts, denn mein Blick war auf die Freundin des Vereinskameraden gerichtet und ich spürte, dass sich etwas Unheilvolles anbahnte. Es sprach aus ihrem Gesicht. Aus ihren Augen, die sie zusammenkniff. Ihrer Nase, die sie kraus zog. Wie sich ihr Brustkorb hob, als sie tief durch die Nase einatmete, bevor sie schrie: „Das hast du mit Absicht gemacht! Du Schwein! Du konntest mich noch nie leiden, da du der Meinung bist, dass ich nicht zu euch passe!“ Worauf ich irritiert stammelte: „Nein, das war ein Versehen.“ Doch in ihrer Wut sagte sie nur bitter: „Das glaubst du doch selbst nicht.“ und schüttete mir den Inhalt eines Bierglases entgegen, der sich über mein T-Shirt und meine Hose ergoss, bevor sie aufstand und davon stürmte. Das Lachen an unserem Tisch war verstummt und viele andere Menschen, die an den Tischen um uns herum saßen, schauten uns skeptisch an. Ihr Freund versuchte sich zu erheben, um ihr zu folgen, doch strauchelte vor Alkohol und setzte sich wieder hin. Er versuchte es noch einmal, doch es gelang ihm wieder nicht. Er sah uns an und lallte: „Verzeiht ihr, sie hatte eine anstrengende Woche.“, bevor er es noch einmal versuchte und es endlich schaffte. Einen Moment stand er schwankend da, gerade so, als hätte er noch nicht ganz sein Gleichgewicht gefunden, bevor er schließlich seiner Freundin hinterher schlurfte.
Auch ich richtete mich wieder auf. Setzte mich stabil auf die Bank und fragte mich, was denn wirklich passiert war. Der offensichtliche Ablauf war ja klar, doch lag in ihrem Schrei, der auf das Missgeschick, das jedem hätte passieren können, folgte, noch eine andere Botschaft. Mir wurde bewusst, dass ihr Schrei nicht nur mir gegolten hatte. Nein, mit ihrem Schrei hatte sie nicht nur zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht viel von mir hielt, sondern auch, dass sie dachte, dass ich und vielleicht auch die anderen Vereinskameraden sie nicht akzeptierten. Was mich betrifft, so fragte und frage es mich immer noch, ob ich ihr je Anlass zu so einer Einschätzung gab. Mir fällt nichts ein. Eigentlich hatte ich sie stets als sympathische Frau wahrgenommen, die witzig war und die auch den Pfälzer Humor abhaben konnte. Doch hatte ich auch immer wieder den Eindruck gewonnen, dass es ihr schwerfiel, an den ständigen Kerwe- und Weinfestbesuchen, ihres Freundes, teilzunehmen, da sie meistens über kurz oder lang zu Sauforgien ausarteten, die nicht ihr Ding waren. Selbst mir fällt es immer noch schwer, solche Veranstaltungen zu besuchen, da sie anstrengend sind, doch sich allein in seiner Wohnung zu verbarrikadieren, ist auch keine Lösung, also Augen zu und durch.
Mir wird bewusst, dass sie vielleicht selbst merkte, dass die Feste und die Gesellschaft nicht ihre Welt waren und sie deswegen, ihren Unmut auf mich projizierte, als ich ihr durch mein Missgeschick, eine Projektionsfläche bot. Doch ist das nur eine Vermutung.
Was den Kerweabend betrifft, so verabschiedete ich mich bald nach dem Missgeschick und machte mich auf den Heimweg.
Ich liege immer noch in meinem Bett. Meine Gedanken kreisen und mir fällt auf, dass es in meinem Leben viele Momente gab, in denen sich das Geschehen und die Gedanken und Gefühle, die ich dabei hatte, bildlich und intensiv in mein Gedächtnis brannten. In mein Lebensgedächtnis, in dem der letzte Abend sicherlich nur vorerst den Abschluss bildete.
Mir wird bewusst, dass nur Momente, die ich als sehr intensiv wahrgenommen habe, sich in all ihren Details, in mein Gedächtnis schrieben, wobei es entweder sehr positive oder sehr negative Momente waren.
Negative Momente waren dabei solche, wie der gestrige Abend oder wenn ich von Menschen, die ich sehr mochte, grundlos für etwas Schlechtes verantwortlich gemacht wurde. Momente, in denen geliebte Menschen, ihre Enttäuschung über mich oder mein Verhalten zum Ausdruck brachten, gerade dann, wenn ich sie nicht enttäuschen wollte. Doch hatte ich mein Leben lang die Neigung, Gesten falsch zu verstehen und dadurch in jedes erdenkliche Fettnäpfchen zu treten, wodurch es zwangsläufig zu Scherben kam, denn auf fettigen Füßen läuft es sich nicht gut.
Im Gegensatz zu den vielen negativen Momenten, gibt es auch einige positive. So hat sich besonders ein positiver Moment in meine Erinnerung eingebrannt. Der Moment, der ersten zärtlichen, nicht mehr freundschaftlichen, Umarmung mit einem geliebten Menschen. Es war eine Umarmung zum Abschied. Wir standen uns gegenüber am Bahnsteig, als die Bahn kam, und wir umarmten uns. Nicht flüchtig, wie bisher, als wir uns mit einer kaum spürbaren Umarmung verabschiedeten. Nein, wir standen da und ich merkte, wie sie mich stärker als sonst an sich zog und ihre Wange gegen meine drückte. Wenn ich daran zurückdenke, glaube ich noch immer, die Wärme ihrer Haut an meiner zu spüren. Ich erinnere mich, wie ich sie im Arm hielt und mit meiner rechten Hand sanft ihren Rücken tätschelte. Ich höre noch einmal meine Gedanken, die schreien, dass ich sie so für immer halten und ihr meine Gefühle sagen solle. Doch blieb ich stumm. Stumm aus Angst, etwas Verkehrtes zu sagen. Stumm aus Angst, den Moment zu zerstören.
Noch einmal höre ich das Zischen der Zugtür und wir lösen unsere Umarmung. Wir verabschieden uns mit den Worten „Bis bald.“ und sie steigt in den Zug. Zischend schließt sich die Tür zwischen uns und sie fährt davon. Ich bleibe am Bahnsteig zurück. Ich bleibe zurück und meine immer noch, ihre Finger auf meinem Rücken zu spüren. Ihre Finger genau dort, wo sie bei der Umarmung lagen.
Selbst jetzt, da ich an die Situation zurückdenke, meine ich wieder, ihre Umarmung und ihre Finger auf meinem Rücken zu spüren.
Ah! Nicht zurückdenken. Im Hier und Jetzt leben und aufstehen, doch wie den Mut und die Motivation dazu finden? Wie sich dazu durchringen, jeden Tag erneut aufzustehen und weiter dem Tageswerk nachzugehen? Warum nicht einfach liegen bleiben und allem Anstrengenden aus dem Weg gehen? Warum nicht einfach liegen bleiben und dahinvegetieren, denn dann könnte man ja nicht mehr enttäuscht werden und man erlebte keine negativen Momente mehr? Bei dem Gedanken wird mir schlecht. Ich beginne, mich für diesen Gedanken zu hassen, denn wenn man nicht aufsteht und in die Welt hinausgeht, erlebt man nicht nur, keine negativen Momente mehr. Nein, man verpasst auch die schönen, wie die Umarmung, die sich in mein Hirn einbrannte.
So raffe ich mich doch noch auf. Versuche, die letzte Nacht und die negativen Erinnerungen zu verdrängen. Ich mache mich bereit für den Tag, in der Hoffnung, mehr und intensivere, positive Erfahrungen zu sammeln. Positive Erfahrungen, die hoffentlich die negativen mehr als aufwiegen.
Mehr positive Erinnerungen. Mehr Erinnerungen, die von einem guten Leben erzählen. Mehr glückliche Momente, auf dass mein Leben eines Tages einen Sinn gehabt hat und nicht verschenkt gewesen ist.