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Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 17: Dunkle Geheimnisse

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Gefährliche Worte erzählte sie dir,
etwas davon weckte meine Gier,
heimlich wollte sie es nicht länger halten,
endlich ein neues Leben gestalten,
in dem du ihr Absolution gäbest,
mit ihrem Geheimnis in der Brust fortan lebtest.

Hoffentlich hält das deine Moral aus,
auf jeden Fall kommst du aus dem Dilemma nicht raus,
lieber hätte sie es dir nie erzählt,
tagein, tagaus, etwas, das dich quält.
Ein Geheimnis von dunkler Gestalt,
nun hast du sie aber auch in deiner Gewalt.

Das sind die Worte, die das Monster in mir spricht, als ich abends nach dem Zähneputzen in den Spiegel schaue und mein Gesicht als verzerrte Fratze sehe. Wie konnte es nur dazu kommen, dass sich das Monster so freut? Wie konnte es dazu kommen, dass es nicht nur mein Dilemma adressiert, sondern sich darüber hinaus auch gleich Gedanken über mögliche Vorteile macht?
Ich erinnere mich an das Gespräch, auf das das Monster in mir anspielt. Auf das Treffen mit der guten Freundin, bei dem sie plötzlich meinte: „Ich muss dir dringend etwas erzählen, denn ich brauche deinen Rat. Aber versprich mir bitte, dass du es niemandem erzählst.“ Ich versprach es leichtfertig und dann erzählte sie mir, dass sie mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen sei. Dass sie lange gefeiert und getrunken hätten und sie schließlich in einer Kneipe mit einem Kerl angebandelt habe, mit dem sie dann auch schlief.
Als sie am nächsten Tag wieder nüchtern gewesen sei, hätte sie sofort bereut, was vorgefallen ist, und jetzt fragte sie sich, ob und wenn ja, wie, sie es ihrem Freund sagen sollte. Ihrem Freund, der Wert auf Aufrichtigkeit legt, aber ihr sicherlich nie den Seitensprung vergäbe, da es für ihn ein gravierender Vertrauensbruch sei.
Mein moralischer Kompass meinte gleich, dass sie es ihm trotzdem sagen sollte, denn das wäre sicherlich besser, als ein ewiges Geheimnis zu haben und eine Lüge zu leben. Ferner gestand ich mir ein, dass bei meinem Rat auch eine Rolle spielte, dass ihr Partner auch ein Freund von mir ist, und ich nicht solch ein Geheimnis vor ihm bewahren wollte. Doch trotz allem Sprechen und gut Zureden, konnte sie sich nicht zu dem Schritt durchringen und sagte zum Abschluss unseres Treffens nur: „Denk daran, du hast versprochen, dass du keinen etwas sagst.“ und da war ich nun gefangen im Dilemma, entweder einem Freund, den Vertrauensbruch seiner Partnerin vorzuenthalten oder das Vertrauen der guten Freundin, das sie in mich setzte, zu brechen.
Doch nicht nur das, das Monster in mir frohlockte auch, denn jetzt hatte ich etwas gegen die gute Freundin in der Hand, was sich anböte, in einem Streit gegen sie verwendet zu werden. Und das war das größere Problem. Der Grund dafür ist, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass solche Geheimnisse Freundschaften belasten und manchmal auch beenden, da der Geheimnisgeber sich häufig bewusst ist, dass er sich in die Hand des anderen begab, und dieses Wissen schon alleine eine große Bürde für eine Freundschaft sein kann.
Ich denke zurück. An all die Geheimnisse, die ich bereits in meinem Leben erfahren hatte. Sie reichten von Diebstahl über Fahrerflucht bis zu betrogenen Partner*innen. Ferner fällt mir auf, dass es primär zwei Gründe dafür gab, dass ich die Geheimnisse erfuhr. Der eine war Alkoholeinfluss oder Prahlerei, der andere, die Suche nach Absolution.
Bei den Prahlern und jenen, die unter Alkoholeinfluss sprechen, habe ich meistens den Eindruck, dass sie wollen, dass das Geheimnis rauskommt, um nicht mehr unter seiner Last zu leben, oder um zu zeigen, was sie doch für ein „taffer Kerl“ oder eine „taffe Frau“ sind. Diesen Menschen habe ich auch nie versprochen, solche Geheimnisse zu bewahren. Schwieriger ist es bei den nüchternen guten Freund*innen, die aus Vertrauen mit einem sprechen. Manchmal hören sie einem auch zu und berücksichtigen die Ratschläge, doch manchmal suchen sie auch nur Absolution für das getane oder, sehr selten, gedachte. Absolution, so dass sie zwar das Geheimnis weitertragen, sich aber sicher sind, dass es kein allzu belastendes Geheimnis ist, denn der Geheimnisträger, trägt es ja mit.

Im Umgang mit Geheimnissen lernte ich auch, manchmal auf recht schmerzhafte Weise, dass Worte Macht sind. Man kann mit ihnen Freundschaften aufbauen und wieder einreisen. Man kann spontan sein oder bedacht. Man kann sich eine Begründung für Aussagen überlegen und sie auch benennen, oder man kann einfach losquatschen und unbedachtes sagen oder verraten, auf dass man sich dann eventuell, auf Nachfrage, nicht erklären kann und Scherben hinterlässt.
Was mich betrifft, so überdenke ich fast alles, was ich sage, und überlege mir, warum ich es sage, auch wenn dadurch Gespräche ins Stocken kommen. Doch während meines Lebens war es nun einmal so, dass ich durch unbedachte Äußerungen viel Schaden hinterließ und das irgendwann nicht mehr wollte. Der Nachteil dieser Einstellung ist, dass auch die Äußerungen anderer, manch einmal mehr als gut wäre, hinterfragt werden und man nicht selten keine befriedigende Antwort bekommt, da die Äußerung auf Eindrücken oder Gefühlen fußte, die schwer in Worte zu fassen sind.

Doch meine Gedanken schweifen ab. Zurück zu dem mir anvertrauten Geheimnis. Ich schaue in den Spiegel und höre das Monster lachen. Man, ich sitze wirklich zwischen den Stühlen. Zwischen meinen moralischen Werten und dem in mich gesetzten Vertrauen hin- und hergerissen.

Was soll ich nur tun?

Published inVom Versuch nicht „verrückt“ zu werden