Während ich auf der Burgruine war, hatte ich die Zeit vergessen, sodass bereits die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Doch nicht nur das. Um meine Gedanken zu beruhigen, hatte ich ruhige Musik gehört, sodass mein Smartphone ausging, was auch der Grund dafür war, aus meinen Gedanken aufzutauchen und die vorgerückte Stunde zu bemerken.
Also los. Erst relativ zügig und dann, mit abnehmender Helligkeit, immer langsamer und auf jeden Schritt bedacht, mache ich mich auf den Rückweg.
Da ich keine Musik oder ein Hörbuch mehr hören kann, um meine Gedanken zu beruhigen, beginnen sie zu wandern.
Sie wandern und finden die dunklen Dämonen meiner Vergangenheit und mit ihnen, die verdrängten und verklärten Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend. Die Erkenntnis, dass ich wenige, aber dafür gute Freunde hatte, während viele andere mich absonderlich fanden. Ich war halt nicht so wie die anderen gewesen, und zu meinen guten Freunden, hatte ich nur mit der Zeit, meistens über Jahre hinweg, die Freundschaften Stück für Stück aufgebaut. Vielen anderen Menschen gegenüber schottete ich mich ab, da sie in meinen unaufmerksamen Momenten, sofort wieder Späße auf meine Kosten machten, um sich zu profilieren. Besonders schlimm war die Grundschule, aber es zog sich auch noch bis zur achten Klasse hin. Immer aufmerksam sein, sich nie, abgesehen im Kreis der wenigen guten Freunde, fallen lassen können. Es war eine Erlösung, als ich nach der Schule umzog und viele Menschen mir einfach neutral gegenüberstanden, aber mit der Zeit lebten sich die Freundschaften auseinander, und neue gute Freundschaften zu schließen, fiel mir schwer. Das Höchste der Gefühle war bei den meisten, gute Kumpels oder Klassenkameraden zu sein, wobei ich den Hang dazu hatte, mich selbst und die Bekanntschaften zu sabotieren, denn es konnte ja nicht plötzlich anders, als in all den vorangegangenen Jahren, sein, und so vermutete ich überall böse Hintergedanken und reagierte ablehnend. Ich sehnte mich nach Freundschaften und Beziehungen und sabotierte sie selbst, weil ich mich nicht fallen lassen konnte, wodurch ich langsam wieder zu dem Außenseiter wurde, der ich vorher war. Es war eine selbsterfüllende Prophezeiung, die ich da lebte. Ich ging vom Bösen aus und aufgrund dessen geschah Böses.
Ich bleibe im dunklen Wald stehen. Jetzt, wo statistisch gesehen die Hälfte meines Lebens vorbei ist, wird mir erst bewusst, dass ich mich in vielen Situationen selbst sabotierte, aus Angst davor, dass es sonst andere täten. Doch was gegen die Angst tun? Verschwinden wird sie nie mehr, zu sehr ist sie mir in Fleisch und Blut übergegangen, als dass ich sie gänzlich aus meinem Leben verbannen könnte. Ein erster Schritt wäre vielleicht, meine Schutzmauern einzureißen, aber so nah, wie ich schon am Abgrund zum Wahnsinn stehe, wäre das sicherlich keine gute Idee. Ich müsste erst einmal einige Schritte zurücktreten. Wieder Vertrauen in mein Umfeld aufbauen. Vielleicht ab und zu positiver auftreten und dann, wenn ich genügend Abstand zum Abgrund habe, die Schutzhüllen, die ich um meine Seele habe, langsam öffnen. Langsam und nicht nur für eine Person, die mich dann über den Abgrund treiben könnte. Nein, langsam und für alle Menschen, mit denen ich gerne gut befreundet wäre. Wenn das geglückt ist, dann vielleicht den nächsten Schritt und wieder tiefere Gefühle wie Liebe zulassen?
Doch da höre ich einen der Dämonen meiner Vergangenheit lachen und sagen: „Du hast das schon einmal versucht. Nach deinem letzten Umzug. Du hieltest dich relativ gut, doch nach fünf Jahren brach dein Kartenhaus zusammen. Schau, wie alt du bereits bist. Alten Hunden bringt man keine neuen Tricks mehr bei. Du wirst nur Zeit und Energie verschwenden, für Nichts und wieder Nichts.“
Mir wird schlecht, denn in den Worten des Dämons liegt zu viel Wahrheit, und noch einmal die gleichen Enttäuschungen wie damals durchzuleben, stünde ich nicht durch!
Ich laufe wieder weiter. Es muss doch noch einen anderen Weg geben. Doch die Spurrillen sind zu tief. Nur ein Unfall könnte mich noch aus ihnen herausschleudern. Ein starker Unfall, mit unabsehbaren Konsequenzen. Dafür bin ich noch nicht bereit.
Die Hälfte meines Rückwegs durch den Wald habe ich geschafft, als sich ein neuer Dämon zu Wort meldet. Der Dämon sagt: „Schau dir die Menschen an, die du Freunde und Freundinnen nennst. Schau sie dir an und du wirst sehen, dass sie nur auf dich zukommen, wenn sie Probleme haben oder Hilfe benötigen. Würdest du nicht immer wieder nach Unternehmungen fragen, sie vergäßen dich, denn von ihnen käme nie eine Einladung, einfach mal etwas gemeinsam zu unternehmen. Du hast es selbst schon ausprobiert und so einige deiner sogenannten ‚Freunde’ verloren. Einfach, weil sich keiner von ihnen regte.“
Mein Herz wird mir schwer und mir wird bewusst, dass mich wirklich nur ganz wenige meiner Freunde von sich aus, einfach mal zu einer Unternehmung einladen. Was für eine traurige Existenz ich doch führe.
In diesem Moment treten weitere Dämonen aus meiner Vergangenheit aus dem Schatten der Zeit hervor. Sie flüstern mir zu: „Wenn du kein glückliches Sozialleben führen kannst, so kannst du es immer noch verdrängen. Du kannst deine Wünsche und Sorgen im Alkohol ertränken oder mit anderen Drogen verdrängen. Du kannst dich in den Materialismus flüchten und dadurch deine Attraktivität steigern, denn Geld und Besitz machen beliebt und geil, und die meisten Menschen stört nicht, dass die Zuneigung nur gekauft ist.“
„Nein, das will ich nicht!“, schreie ich in den Wald hinaus. „Das bin ich nicht mehr! Das will ich nie wieder sein!“ Doch die Dämonen lachen nur und flüstern im Chor: „Über die Zeit wirst du dich dahin zurückentwickeln, egal, ob du es möchtest oder nicht.“ Ich versuche, vor mir selbst und meiner Jugend, in der ich versuchte, mir mit Materialismus Freundschaft und Liebe zu erkaufen, davonzulaufen. Vor dem Alkohol, den ich in sehr jungen Jahren trank, um zum einen cool zu sein und zum anderen, um im Umgang mit anderen Menschen locker zu werden. Der Alkohol als Mittel der Wahl, sich einfach mal treiben zu lassen und die Gedanken an irgendwelche Konsequenzen des eigenen Handelns, zu verdrängen. Vor dem Zukleben seelischer Löcher mit gekauften Sachen, die doch nur schlecht haltende Pflaster sind, die schnell wieder abfallen.
Mir brummt der Schädel. Mir ist Angst vor der Zukunft, die mir die Dämonen zeigen. Ich stolpere mehr durch den nächtlichen Wald, als dass ich gezielt laufe. Schließlich verlasse ich ihn und komme in einer kleinen, mir bekannten Stadt an. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich die letzte S-Bahn noch erreichen könnte. So beeile ich mich, allein auf das Erreichen der S-Bahn fokussiert, und ich erreiche sie gerade noch.
In der S-Bahn lasse ich mich auf einen Sitz fallen und lausche den Geräuschen um mich herum. Sie lenken meine Gedanken ab, und ich hoffe, die Dämonen hinter mir gelassen zu haben. Die Dämonen im Wald gelassen zu haben. Doch immer wenn es etwas ruhiger wird, höre ich ihre Worte in meiner Seele nachhallen. Es ist ein Echo meiner Vergangenheit, das in meine Gegenwart und Zukunft hallt.