Ich bin mit einem Freund und seiner Tochter spazieren. Die Tochter kenne ich seit zehn Jahren, also knapp nach ihrer Geburt, als sie noch von ihren Eltern im Kinderwagen durch die Gegend geschoben wurde, da sie nur so verlässlich einschlief. Bei einer Pause sagt das Mädchen, dass ihr Vater daran denken solle, dass er ihr versprochen habe, auf dem Rückweg noch mit ihr einkaufen zu gehen. Sie spricht von Produkten, die ich nicht kenne, woraufhin ich ihren Vater danach frage. Auf meine Frage hin meint er, dass das Produkte einer Influencerin seien, die seine Tochter gerade als Idol verehrte. Den Namen der Influencerin, den er nannte, hatte ich noch nie gehört, und als ich das zum Ausdruck bringe, schaut mich das Mädchen skeptisch an und fragt, ob ich die letzten Jahre unter einem Stein gelebt hätte.
Auf ihre Frage hin meine ich, dass ich zu kräftig gebaut wäre, um unter einem einfachen Stein zu leben. Wenn dann müsste es schon ein großer Fels sein, worauf sie mit den Augen leiert und mich „crazy uncle“ nennt, wie sie es in letzter Zeit häufig tat. Anscheinend war ich über die Jahre für sie so etwas wie der „verrückte Onkel“ geworden, wobei sie das nie abfällig sagte, sondern eher mit einem Lachen.
Ich muss zugeben, dass ich mich nie für irgendwelche Influencer interessierte. Ich denke an meine Kindheit und Jugend zurück und frage mich, ob ich jemals ein Idol hatte. Jemanden, dem ich nachstrebte, sei es ein Film- oder Musikstar, Influencer, Reicher oder eine andere bekannte Persönlichkeit. Mir fällt keiner ein.
Mir fällt nur ein, dass ich immer meinen eigenen Weg gehen wollte. Nie so sein, wie all die anderen, was in der Grundschule auch zu Stress führte, denn man wird schon für wunderlich gehalten, wenn man Fruchtzwerg auf Hanuta isst. Das ging sogar so weit, dass einige Eltern ihren Kindern verbaten, sich mit mir abzugeben, da ich nur ein schlechter Einfluss auf sie sein könnte. Ich gewöhnte mich daran, und während andere sich Plakate von Musikern, Filmstars, Fußballern und schnellen Autos an die Wände hängten, suchte ich meinen Weg. Meinen Platz, an dem ich, ich sein könnte. Keine billige Kopie oder Abklatsch. Ich fand die Literatur. Ich las, machte mir Gedanken und entwickelte langsam meinen Charakter und meine Lebensziele. Für mich wurde das Ziel des Lebens, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen, auch wenn mir einmal der Sturm ins Gesicht blasen sollte.
Im Laufe der Zeit merkte ich auch, dass viele Menschen immer und immer wieder nur haben wollen. Sie wollen besitzen und einfach, meist rücksichtslos, leben. Sie verschmutzen die Umwelt, beanspruchen selbstverständlich den öffentlichen Raum und sehen sich als Opfer, wenn ihnen mitgeteilt wird, dass ihr Individualismus auf Kosten der Allgemeinheit nicht akzeptiert werden kann. Ferner wollen sie mehr und mehr. Mehr Geld, weniger Steuern. Hauptsache, man hat, denn schließlich ist jeder seines Glückes Schmied. Verschiedene Startchancen, verschiedene gesundheitliche Voraussetzungen, alles egal, die Gesellschaft hat dem Individuum zu dienen und nicht das Individuum der Gesellschaft. Die Gesellschaft als Nanni für das egoistische und quengelnde Kind.
Ich denke an Elon Musk und wie er von vielen verehrt wurde, da er die Elektromobilität voranbrachte, bevor er sich mehr und mehr zu einem Tyrannen entwickelte, der Sozialsysteme schleifte, seine Mitarbeiter gängelte und rechte Parteien pries. An Attila Hildmann, der von vielen Veganern verehrt wurde, da er den Veganismus in den Mainstream brachte, wobei er mit der Zeit rechte Tendenzen entwickelte und propagierte. Alle Menschen haben dunkle Seiten, und darum sollte man keinem nachstreben. Man sollte schauen, was man für richtig hält, und danach leben, anstatt sich später dafür zu schämen, was für einem Menschen man gefolgt ist.
Ich denke, dass wir uns alle einfach einmal fragen sollten, was wir tun können, damit die Gesellschaft besser und gerechter wird. Wie wir aktiv eine gerechte Gesellschaft gestalten können. Doch häufig werden die, die sich dafür einsetzen, für dumm gehalten.
Dabei fällt mir auch auf, dass viele auf Gesetze bestehen, wenn sie ihnen selbst nutzen, sie sie aber schon im nächsten Atemzug kritisieren, wenn sie vermeintlich die eigene Freiheit beschneiden, auch wenn mit den Gesetzen die Freiheiten anderer und manch einmal auch die Zukunft des Planeten gesichert werden soll.
Es ist doch so, dass sich jeder meistens selbst am nächsten ist und alles für seinen eigenen Vorteil auslegt.
Mit diesem Gedanken wende ich mich dem Mädchen zu und sage: „Strebe nicht anderen nach oder nach irgendwelchen materiellen Gütern. Sie geben nur einen Schein von Glücklichkeit. Finde deinen eigenen Weg und versuche, ein erfülltes Leben zu leben, in dem du, aus deiner inneren Überzeugung heraus, die Welt zu einem besseren Ort machst und nicht, weil andere dir das vorleben oder vorbeten.“
Das Mädchen sieht mich kritisch an und meint: „Ich mache schon immer, was ich möchte und was ich für richtig halte. Und nach guter Überlegung möchte ich halt die Sachen haben.“ Und damit ist die Unterredung beendet.