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Vergiftete Küsse?

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Es ist ein Samstagabend im Sommer und ein alter Kindheitsfreund, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe, ist bei mir zu Besuch. Da wir den Abend nicht in meiner stickigen Mietwohnung verbringen möchten, verabrede ich mich mit ein paar Freunden und wir gehen auf das gerade stattfindende Stadtfest. Es ist ein recht angenehmer und geselliger Abend und die Zeit vergeht wie im Flug. Als schließlich die Glocken 23:00 Uhr melden, denke ich, dass es Zeit ist zu gehen, da meine Müdigkeit Oberhand zu gewinnen droht. So beschließen mein alter Freund und ich, nach Hause zu gehen. Nach einer kurzen Verabschiedung von meinen Freunden, machen wir uns auf den Heimweg.

Als wir so gehen und den Lärm der Menschen hinter uns lassen, fragt mich auf einmal mein alter Freund: „Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die eine Freundin von dir, ach, wie war noch mal ihr Name? Ähm, verdammt, mir fällt er nicht ein. Ich meine die, die als einzige, trotz der kühlen Temperaturen, ein Kleid trug. Ach, der Name ist auch egal. Ist dir auf jeden Fall aufgefallen, dass sie dich über den ganzen Abend hinweg, immer wieder anschaute, und wenn du in ihre Richtung schautest oder an ihr vorbeigingst, sie sich plötzlich ihrem Freund zuwandte und ihn innig küsste? Es war schon auffällig! Vor allem, als du einmal eine Stunde weg warst, rückte sie von ihrem Freund weg, und als du aus ihrem toten Winkel kommend, wieder an ihr vorbeigingst, erschrak sie sich sichtlich und küsste sofort wieder innig ihren Freund.“
Auf sein Plappern hin gebe ich nur ein „Mhm.“ Von mir, denn was sollte ich dazu schon sagen? Natürlich war es mir aufgefallen, denn es war ja nicht das erste Mal so. Seit gut einem Jahr war es jedes Mal so, wenn ich sie traf und ihr Freund dabei war. Ich hatte auch meine Vermutungen für den Grund dafür, doch waren das alles nur Spekulationen und die wollte ich nicht äußern, doch mein alter Freund, der schon einiges Alkoholisches getrunken hatte, schien meinen Unwillen, über das Thema zu sprechen, nicht zu merken, und so fragt er wieder: „Eh, das muss dir doch aufgefallen sein.“ „Ja, aber ich möchte darüber nicht reden.“ „Ach, komm schon, wir kennen uns bereits seit dem Kindergarten und in den letzten drei Dekaden hast du mir alles erzählt, also fange jetzt nicht damit an, dich zu genieren.“
Als er das sagt, wird mir bewusst, dass er recht hat und er mir schon in manch schwierigen Situationen mit Rat und Tat zur Seite stand und er ohnehin alles über mich wusste, um nicht zu sagen, dass er in mir lesen konnte, wie in einem Buch. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf sage ich: „Natürlich ist mir das aufgefallen und mir fallen nur zwei Erklärungen für ihr Verhalten ein. Die erste ist, dass sie mich eifersüchtig machen möchte. Die zweite, dass sie sich selbst zu überzeugen versucht, dass sie ihren Freund immer noch liebt.“ An dieser Stelle hätte ich von jedem anderen Widerspruch erwartet, doch so ist mein alter Freund nicht. Stattdessen schaltet er vom belustigten, halb betrunkenen Modus sofort in einen ernsteren um und erwidert: „Okay, dann erzähl mal, wie du zu diesen möglichen Erklärungen kommst.“
„Na gut, ich erzähle es dir. Das von dir beobachtete Verhalten der Freundin begann, als sie frisch mit ihrem jetzigen Freund zusammengekommen ist. Eine kurze Zeit vor ihrer jetzigen Beziehung und die erste Zeit ihrer neuen Beziehung hatte ich den Eindruck, dass sie auch Gefühle für mich hatte. Ich möchte nicht sagen „Liebesgefühle“, aber sicherlich doch schon tiefergehende, und dass sie von diesen Gefühlen und denen zu ihrem Freund überfordert, vielleicht auch zwischen ihnen hin- und hergerissen, war. Ich, der sie auch sehr mochte, aber kein Spaltkeil in ihrer neuen Beziehung sein wollte, ging dann etwas auf Distanz, damit sie sich überlegen konnte, was sie wollte, und unsere Freundschaft und ihre Liebesbeziehung nicht übermäßig belastet würden. Mit der Distanz begannen erst ihre Blicke. Manchmal vorwurfsvoll, manchmal sichtlich enttäuscht, dass ich bewusst Distanz wahrte. Mitunter gab es auch Vorwürfe und böse Kommentare, wenn ich mich intensiv mit anderen Frauen unterhielt und viel lachte, gerade so, als wünschte sie sich, dass ich mich so mit ihr unterhielte und ausgiebig lachte. Schließlich begannen sie dann, ihren Freund immer dann zu küssen, wenn sie meinte, dass ich in ihre Richtung schaute, oder in ihrer Nähe war, besonders dann, wenn ich mich in ihrer Gegenwart lange und ausführlich mit anderen Frauen unterhielt.“
Ich verstumme und überlege einen Moment, bevor ich noch ergänze: „Manchmal frage ich mich, ob sie ihrem Freund nur vergiftete Küsse gibt, da es in ihrer Beziehung schon stark kriselt, auch wenn sie es in seiner Gegenwart zu überspielen versucht und versucht, sich keine Zweifel anmerken zu lassen. Böse gesagt, frage ich mich, ob sie bei den Küssen, wirklich gedanklich bei ihrem Freund ist, oder sich in ihren Gedanken wähnt, jemand Anderes zu küssen. Ob das gerecht ihrem Freund gegenüber ist? Ich weiß es nicht. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass er die Spannungen in ihrer Beziehung auch nicht wahrhaben möchte, da er Angst davor hat, sie sich einzugestehen, und dann wieder allein zu sein.“
„Okay“, sagt mein alter Freund verständig, bevor er fortfährt: „Ich verstehe, wie du zu deinen Schlüssen kommst, und da ich dich kenne, verstehe ich auch, warum du darüber nicht reden möchtest. Doch wie geht es dir im Umgang damit und wie siehst du deine ‚freundschaftliche‘ Beziehung zu ihr, denn gesund ist dieses von euch beiden zur Schau gestellte Verhalten sicherlich nicht.“
„Was soll ich schon daraus schließen? Mit ihr darüber reden? Das haben wir schon häufig genug versucht! Das, was ich ihr immer wieder sage, ist, dass sie selbst wissen muss, was sie in ihrem Leben und in unserer Freundschaft glücklich macht oder machen könnte. Erst wenn sie das weiß, kann man schauen, was möglich und sinnvoll ist, aber ich habe den Eindruck, dass sie sich schwer damit tut, da sie alles möchte, aber nicht alles haben kann. Sie tut sich schwer damit, zu verstehen, dass jede Entscheidung für etwas eine Entscheidung gegen etwas anderes ist, also die Entscheidung für ihren Freund, die Entscheidung dagegen, mich besser kennenzulernen und mehr Zeit mit mir zu verbringen. Es ist nun einmal so, dass man auf der Welt nicht alles haben kann, egal, wie sehr sich das Herz auch danach sehnt.“
„Ich glaube, jetzt hast du gerade eine wichtige Aussage getätigt, ohne es direkt zu merken.“, hakt mein alter Freund ein. „Aus deinen Aussagen schwingt mit, dass auch du sie gerne besser kennengelernt hättest, aber das durch ihre neue Beziehung nicht klappte. Ist vielleicht auch das ein Problem in eurer Freundschaft?“
Die Aussage meines alten Freundes erwischt mich kalt, denn es ist mehr als nur ein Funken Wahrheit darin. Ich denke einen langen Moment nach, bevor ich antworte: „Ja, ich hätte sie zu der Zeit, als sie Single war, gerne besser kennengelernt. Doch hätte ich nie gewagt, unsere Freundschaft zu gefährden. Schlussendlich ist die Distanz, die ich zu ihr halte, auch ein Stück Selbstschutz.“ Ich denke noch einen Moment nach, bevor ich weiter ergänze: „Doch als sie ihre Beziehung einging, schwor ich mir, ihr einfach ein guter Freund zu sein, und keine tieferen Gefühle mehr zuzulassen. Ich glaube, aufgrund dessen ist unsere Freundschaft immer noch in einem Schwebezustand, in dem wir nicht genau wissen, wie unsere Freundschaft aussehen soll.“
„Ich glaube, damit hast du recht. Vielleicht solltest du darüber einmal mit der Freundin reden. Ich glaube, erst wenn ihr beide das geklärt habt, könnt ihr wieder gut miteinander befreundet sein, ohne falsche und giftige Küsse zu verteilen.“

Diese, von meinem alten Freund getätigte Aussage, war das Schlusswort. Den restlichen Rückweg vom Stadtfest verbrachten wir schweigend, wobei sich meine Gedanken, mit der letzten Aussage meines alten Freundes beschäftigten und ich mich fragte, wie ich darüber mit der Freundin ruhig und vernünftig sprechen könnte. Wie einen Moment und die Ruhe finden, alle Karten auf den Tisch zu legen und alles zu klären?

Published inErzählungen