Die Urlaubszeit neigt sich ihrem Ende entgegen und kurz bevor sie zu Ende geht und viele meiner Freunde sich wieder in ihre Alltagsroutinen stürzen, treffen wir uns zu einem gemeinsamen Abendessen. Es ist ein gemütlicher Abend und den ein oder anderen Freund frage ich, wie denn der Urlaub war. Doch die Antworten sind keine Beschreibungen, die Bilder in meinem Gehirn erschaffen. Keine Worte, die Eindrücke, Gefühle oder auch nur Düfte beschreiben. Nein, die Antwort, die ich am meisten von meinen Freunden erhalte, ist: „Hättest du Instagram, könntest du die Bilder von unserem Urlaub sehen.“
Immer wenn ich diese Antwort höre, kann ich nur daran denken, dass es eine ignorante Antwort ist. Der Grund dafür ist, dass Bilder nur zeigen, wie es im Urlaub aussah, aber nicht, wie man sich fühlte. Sie zeigen nicht, ob es laut oder leise war. Wie sich das Meer, die Stadt oder der Wald anfühlten, anhörten oder rochen. Es wird auf ein Medium verwiesen, das nur ein Sinnesorgan anspricht, aber doch nichts darüber aussagt, wie für einen selbst der Urlaub war. Denn selbst die schönsten Bilder können nicht sagen, ob man wirklich glücklich oder vielleicht sogar traurig war.
Ich vermisse die Zeit, als man zusammensaß und sich gegenseitig vom Urlaub erzählte. Von den Eindrücken, Gedanken und Gefühlen, die man dabei hatte. Ich beginne mich nach einigen alten Bekannten zu sehnen, mit denen es zwar auch nicht immer einfach war, die aber dafür gute Erzähler waren. Es waren Menschen, die Geschichten von ihren Urlauben erzählten, die einen mitnahmen. Die mit ihren Stimmen Bilder in den Köpfen ihrer Zuhörer zum Leben erweckten und so allein mit ihrer Stimme so viel mehr erschufen, als ein einzelnes digitales Bild es je könnte. Doch mit der Zeit wurden die, die gern und gut von ihren Urlauben erzählten, weniger. Die Wertschätzung des gesprochenen Wortes sank und heute? Heute sitzt man zusammen, unterhält sich über Belangloses, wenn man nicht gerade mit dem Smartphone beschäftigt ist, und verweist auf sein Instagram-Profil, anstatt selbst zu erzählen und mit seiner Stimme und Sprache Bilder und Welten zu erschaffen.
Das Abendessen und die Gespräche langweilen mich. Keine aufregenden Unterhaltungen, keine Geschichten und Berichte, und darüber hinaus fällt mir auf, dass auch der Wortschatz, den meine Freunde benutzen, über die Jahre immer schlichter und wenig ansprechend wurde. Einfachste Worte, der Konjunktiv nur noch mit würde gebildet, anstatt mit der Konjunktivform der Verben. Auch keine Fachausdrücke, sondern nur Wörter, die alles und nichts bedeuten können.
Ich denke an eine Unterhaltung mit meiner Nichte, die auch meinte, dass man Fachausdrücke nicht wirklich bräuchte, da man alles ja auch beschreiben könnte. Auf ihre Aussage hin fragte ich sie: „Gut, was ist ein Individualist?“ Woraufhin sich folgende Unterhaltung ergab: „Ja, ist doch klar, ein Individualist verhält sich individualistisch.“ „Das ist eine schlechte Erklärung. Versuche einmal, das Wort ohne eine Wortform seiner selbst zu beschreiben.“ „Das ist schwer.“ „Ein Individualist ist ein Mensch, der die Handlung alleinig auf sich und seinen Vorteil, anstatt auf das Wohl der Allgemeinheit, ausrichtet.“ „Ja genau!“, bestätigte meine Nichte die Beschreibung des Individualisten. Woraufhin ich meinte: „An diesem Beispiel siehst du, dass du mit Fachausdrücken kurz, prägnant und eindeutig etwas beschreiben kannst, dessen Beschreibung ausufernd und nicht zwangsläufig eindeutig ist.“ „Ja, da hast du recht.“, gibt sie mir abschließend, wenn auch etwas zerknirscht, Recht.
Meine Gedanken wandern wieder zurück in die Gegenwart. Beim gemeinsamen Essen betrachte ich meine Freunde und lausche weiter ihren Unterhaltungen. Es ist öde, ihnen zuzuhören. Keine Begeisterung in den Stimmen, keine blitzenden Augen, keine stilistischen Mittel. Einfach der Austausch banaler Dinge, in banaler Sprache.
Mir wird bewusst, dass Sprache, ob nonverbal, mündlich oder schriftlich, und der Austausch mit ihr das ist, was uns Menschen erst verbindet und uns ermöglicht, Beziehungen aufzubauen. Und gerade diese Fähigkeit vernachlässigen wir so fahrlässig? Was bliebe uns noch übrig, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn wir nicht mehr oder nur eingeschränkt kommunizieren könnten? Nicht viel, da wir die Wünsche anderer nicht mehr wahrnähmen und uns darüber hinaus immer mehr auf unsere individuellen Wünsche und Bedürfnisse zurückzögen und sie befriedigt sehen wollten. Mir kommt der Gedanke, dass die Verarmung der Sprache vielleicht auch ein Symptom des Hyperindividualismuses in unserer Gesellschaft ist, denn dort, wo sich jeder selbst am nächsten ist, braucht es den unterhaltsamen und aufklärerischen Dialog nicht mehr, sondern Sprache höchsten noch dazu, seine Ziele zu erreichen. Sprache zur reinen Unterhaltung, zum Austausch von Ideen, zum Erschaffen von Visionen und Fantasiewelten? Braucht es nicht mehr, vor allem nicht in einer komplexen Form, die die Leute vielleicht gar überforderte. Höchstens noch einfache Propagandasprache, mit der man andere Menschen für seine individualistischen Ziele vor den Karren spannt.
Bei diesem Gedanken wird mir bewusst, dass die Vereinfachung der Sprache auch anfällig für Manipulationen macht, da es einfacher Sprache selten gelingt, komplexe Probleme und deren Lösungen zu beschreiben, und komplexe Sprache bei Menschen, die keinen Zugang zu ihr finden, Ablehnung erzeugt. Eine Ablehnung, die daraus resultiert, dass sich Menschen, die die Sprache nur schwer verstehen, nicht mit den Sprechern einer gemeinsamen Gruppe zugehörig fühlen. Somit sind die Sprache und ein guter Wortschatz auch notwendig, um die Welt wirklich zu verstehen und eigene, fundierte Entscheidungen zu treffen. Und mit diesem Gut gehen wir so fahrlässig um?
Ich betrachte meine Freunde und stelle fest, dass sie trotz allem noch einen relativ guten Wortschatz und Sprachgebrauch haben, wenn ich sie mit vielen meiner Arbeitskollegen vergleiche, mit denen man kaum noch ein Gespräch führen kann, das nicht vor Plattitüden strotzt und deshalb keinen Mehrwert bietet. Doch habe ich die Befürchtung, dass sich, wenn sie weiter ihre Sprache vernachlässigen, ihr Denken an die einfache Sprache anpasst und sie sich im Negativen an meine Arbeitskollegen angleichen.
Mir wird bewusst, dass der Gedanke erfreulich, aber auch beängstigend sein kann. Der Gedanke, dass die Sprache unser Denken beeinflusst, denn wenn dem so ist, so hat man auch die Möglichkeit, durch die Sprache sich selbst und andere zu erfreuen und die Welt vielleicht zum Positiven zu verändern.
Mit diesem Gedanken wende ich mich wieder meinen Freunden zu, um sie in Diskussionen zu verwickeln, sie sprachlich etwas zu fordern, um vielleicht dadurch, zumindest im Kleinen, eine positive Veränderung zu sein.