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Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 18: Von Liebe, Romantik und Sexualität

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Los, noch fünf Kilometer wandern. Los, noch mehr verausgaben, damit die Gedanken endlich verstummen. Los, weiter.
Jetzt stehe ich auf einer Burgruine, auf einem Berg, und schaue ins Tal hinab. Die Menschen und Städte liegen so klein vor mir. Ich atme langsam ein und wieder aus. Mein Puls kommt zur Ruhe. Ich schaue auf meine Smartwatch und stelle fest, dass ich bereits 34 Kilometer gelaufen bin.
Ich hole einen Snack aus meinem Rucksack, um meinen Kalorienvorrat aufzufüllen. Doch als ich so dastehe, kommen die Gedanken wieder hoch und Tränen steigen mir in die Augen. Ich meine, wieder den Stich zu spüren, den ich auch verspürte, als ich merkte, dass wieder meine Hoffnung enttäuscht und meine Gefühle verletzt wurden.
Ich sehe mich um, ich sehe die Burgruine und denke an die deutsche Romantik. An die Schwärmerei für die Natur und das Umwerben der Frau, die einen versprach, ihn glücklich zu machen. Die Suche nach einer Partnerin fürs Leben, mit der man durch die Zeit geht. Schon wieder gescheitert. Schon wieder eine Tür zugeschlagen. Gerade wieder nach Jahren der Enttäuschung die Seele geöffnet, und festgestellt, dass man jemanden mochte, und dann der kalte Faustschlag der Realität in die Magengrube.

Ich setze mich auf einen alten Mauerrest, der direkt am Abgrund steht, und lasse meine Beine baumeln. Ich höre Vögel zwitschern und frage mich, was ich denn überhaupt für eine Beziehung suche. Betrachte ich meinen Bekannten- und Freundeskreis, so stelle ich fest, dass ich die meisten Beziehungen in vier Kategorien einteilen kann, wobei sie aber unterschiedlich stark ausgeprägt sein können.
Die erste Kategorie sind die, die primär eine Beziehung suchen, um ihre sexuellen Gelüste zu befriedigen. Sie kommen zusammen, leben ihre individuellen Leben und treffen sich dann für den Beischlaf. Bei einigen ist die Ausprägung so stark, dass man meinen könnte, man könnte eine Puppe mit Spiegeln im Hintergrund hinlegen, denn für die betreffende Person geht es häufig in erster Linie um die Befriedigung ihrer Gelüste und um die Selbstbestätigung und erst in zweiter Linie um die Wünsche, Gefühle und Lüste des Partners.
Die zweite Kategorie, die ich beobachten konnte, sind die Schönwetterbeziehungen. Man ist so lange füreinander da, wie es einem in den Lebensplan passt und es nicht zu anstrengend wird. Der andere hat eine schlechte Phase oder eine Krankheit belastet ihn, schubs und weg, die nächste Beziehung findet sich bestimmt, in der man keine großen Verpflichtungen hat.
Die dritte Kategorie, ist die, in der einer oder beide Partner nicht allein sein können. Es sind entweder Zweckgemeinschaften, in denen beide zusammenleben, aber keine Gemeinsamkeiten haben, außer die, nicht allein sein zu wollen, denn da ist ja immer auch noch der andere, auch wenn man keine Gemeinsamkeit mit ihm teilt. Problematisch ist es, wenn nur einer der zwei Partner nicht allein sein kann, denn dann besteht das Risiko, dass der andere Partner ihn sexuell oder materiell ausnutzt, da er eben seine Bestätigung und seine Bereicherung aus dem abhängigen Partner zieht.
Die vierte Kategorie, ist die bedingungslose gegenseitige Liebe. Man findet und verliebt sich. Man möchte einander nah und füreinander da sein. Die gegenseitige Gegenwart einfach auch mal genießen und einander positiv überraschen. Meistens sind Beziehungen dieser Kategorie nicht nur auf den Akt ausgerichtet, sondern auf das Verbundenheitsgefühl und die Hoffnung, dass man zu zweit, glücklich die Zeit überdauert.

Und wo stehe ich? Ich bin in der Romantik und der bedingungslosen Liebe hängengeblieben, mit all den negativen Auswirkungen, denn wenn man bedingungslos lieben möchte, muss man sich und seine Seele öffnen, und das auch auf die Gefahr hin, dass sie verletzt wird. Passiert das zu häufig, wie mir in jungen Jahren, baut man sich einen Schutzpanzer auf und tut sich schwer, Zuneigung zu zeigen und zu erwidern. Sich zu öffnen, da man dann Angriffsfläche bietet und man sich wieder verletzbar macht. So fällt Tür um Tür, ohne dass man hindurchschreitet, wieder zu, und man verpasst die Möglichkeit, einen wunderbaren Menschen näher kennenzulernen, einfach aufgrund der Angst, wieder verletzt zu werden.
Ferner bin ich auch kein Mensch, der besonders extrovertiert ist und auf die Menschen offen zugeht, eben weil auch da das Risiko der Enttäuschung und Verletzung zu groß ist. Stattdessen versuche ich, sie besser kennen- und einschätzen zu lernen, was Zeit braucht. Zeit, die sich viele bei der Partnersuche nicht nehmen, wodurch sich wiederum vermehrt Türen schließen.
Aber nicht nur das. Scheinbar hat die Evolution uns auch noch animalische Entscheidungskriterien erhalten, denn bei der Partnerwahl sehe ich häufig immer noch, dass die grellen, lauten Vögel zum Zug kommen, einfach weil sie sich immer auf und in den Blickwinkel drängeln. Der Blick an ihnen vorbei ist schwer, und so machen viele Menschen für sich ihr Ding und kommen für die potentielle Partnerwahl nicht in Frage, da sie nur schwer zu sehen sind. Und ich habe es dabei vielleicht noch einmal besonders schwer, vor allem, da ich eine der wenigen grauen Mäuse in der Voliere bin.

Doch was soll ich machen? Ich bin die Summe der Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, und statistisch gesehen liegt das halbe Leben hinter mir. Den Ballast und den Schaden, den ich in diesen Jahren an meiner Seele angesammelt habe, werde ich sicherlich nicht mehr los.
Meine Gedanken wandern zurück. Zurück zu der Ursache für diese Gewaltwanderung. Ich sehe wieder ihr Lächeln. Ich merke, wie ich mich bei ihr entspanne, und dann, wie aus dem Nichts, eine Aussage, die, wie eine stählerne Faust, meine seelische Magengrube trifft und mich zum Zusammenklappen bringt.

Wieder eine Narbe mehr. Wieder ein Grund, meine Seele nicht zu öffnen, denn über kurz oder lang wird sonst wieder Schaden entstehen. Wieder ein Grund, die Türen vor meiner Nase zuschlagen zu lassen und so die Chance auf ein glückliches Leben zu zweit vergehen zu lassen.

Wir Menschen sind die Summe unserer Erlebnisse und Entscheidungen. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Sie können Ballast, aber auch Stütze sein, doch bilden sie auch Spurrillen, die mit der Zeit immer tiefer werden und die man nur noch schwer verlässt.
Also, wie soll ich weitermachen? Das Beste wäre wahrscheinlich, sich mit dem Status quo zufrieden zu geben, denn meine Zehen stehen schon weit über die Kante, des vor mir klaffenden Abgrunds des Wahnsinns, und jede Enttäuschung, jede ins Gesicht geschlagene Tür, könnte der Stoß sein, der mich über die Kante hinweg, in den Wahnsinn, in die Ignoranz, stößt. Ein Wahnsinn, der sicherlich nicht einem erfüllten Leben dienlich wäre. Die Ignoranz, die mich in meiner persönlichen Welt, ins Zentrum des Universums rückte, und mich alle Missgeschicke als orchestriert wahrnehmen ließe, so wie ich es schon bei einigen Bekannten erlebte, die nicht mehr an Zufall oder Selbstverantwortung glaubten, sondern nur daran, dass jemand ihre Leben sabotierte.

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