Zum Inhalt springen

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 21: Spiritualität

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Das Davonrennen vor meinen Gedanken führte dazu, dass ich mich mehrere Tage komplett verausgabte und mir jetzt all meine Muskeln schmerzen, so dass ich kaum noch aufzustehen vermag. Was tun? Irgendwelche Filme oder Serien schauen? Nicht mein Ding. Eine Zeitung lesen? Keine Lust. Ich lasse meinen Blick über mein Comic- und Manga-Bücherregal streifen. Er bleibt beim Manga „Shaman King“ hängen, meinem einstigen Lieblingsmanga. Ich greife nach dem ersten Band und überlege, wann ich ihn das letzte Mal gelesen habe. Es ist sicherlich schon eine Dekade her. So lege ich mich auf mein Sofa und beginne zu lesen.
Sofort bin ich wieder in der Geschichte gefangen. Band um Band verschlinge ich und tauche ab in die Welt aus Schamanen und Geistern. Eigentlich halte ich nicht viel von Spiritualität, da sie in aller Regel auf einer Religion basiert und ich bis jetzt noch keine Religion gefunden habe, die mich vollumfänglich überzeugt. Doch die im Manga dargestellte Suche nach Verbundenheit mit der Natur und auch der Vergangenheit, damit alles im Einklang ist, fasziniert mich.
Schon als ich den Manga als Jugendlicher das erste Mal las, stellte ich fest, dass ich das auch wollte. Ich wollte im Einklang mit der Natur und ein Stück weit auch mit mir selbst leben.

Meine Augen werden träge. Ich lege den Band, den ich gerade lese, zur Seite und schaue an die Decke. Ich frage mich, warum ich immer wieder auf Leute treffe, die meinen, dass sie spirituell sind, wobei sie sich eigentlich nur von der Realität und den Naturgesetzen abgewandt haben. Wie kann Spiritualität funktionieren, wenn sie losgelöst von der Welt ist, und was bringt sie dann einem? Welt- oder Realitätsflucht?
Wenn für mich Spiritualität eine Bedeutung haben sollte, dann nur eingebettet in die Realität und als Parabel oder Metapher, um die Realität besser zu verstehen. Die Geister vergangener Menschen als Zeichen dafür, dass die Vergangenheit die Gegenwart und uns prägt oder vielleicht sogar, verfolgt. Die Naturgeister als Zeichen dafür, dass wir, wenn wir die Umwelt vernachlässigen, von ihnen gejagt und unser Leben schwierig gemacht wird, denn wir können nicht ohne die Natur leben. Der Schamane, als Interpret der Vergangenheit und Gegenwart. Ein Philosoph, der uns Wege aufzeigen möchte, ein besseres Leben zu führen. Der Kampf zwischen den Schamanen um die Deutungshoheit, denn die Vergangenheit und Gegenwart müssen interpretiert und daraus Richtungsentscheidungen abgeleitet werden, und Interpretationen sind nie gleich, denn sie hängen stark von der eigenen Einstellung und den eigenen Erfahrungen ab.

In diesem Kontext kann ich nicht verstehen, dass Menschen sich darauf einlassen, zu meinen, dass es höhere Mächte gibt, die sie lenken. Dass sie im Einklang mit von der Realität losgelösten Einstellungen sind und nicht selten auch ins Esoterische abdriften. In Riten, deren einziger Nutzen vielleicht die Beruhigung des eigenen Gewissens ist, aber nicht, die Welt an und für sich zu verstehen und zum Positiven zu wandeln. Ich denke an einige Bekannte und ihre Rituale und stelle fest, dass sie sich häufig nur um sich selbst drehen und dadurch zutiefst egoistisch sind. Für sie, stehen sie selbst im Mittelpunkt und die Realität soll bitte draußen bleiben.

Ich denke an die Menschen, die ich kenne und die von sich sagen, dass sie spirituell sind. Die meisten wurden nicht so geboren. Meistens waren es negative Erfahrungen, Schicksalsschläge oder auch nur die Überforderung mit der Welt, die sie in die Spiritualität trieben. Es war eine Flucht, und ich frage mich, ob ich nicht früher oder später auch diese Flucht antrete. Die Flucht vor der Realität, die in meiner Seele immer mehr Risse bekommt. Die Flucht vor den Geistern meiner Vergangenheit, in Gefilde, die nicht so bedrohlich sind.
Mir wird angst. Ich will in der Realität mit ihren physikalischen Gesetzen bleiben, die besagen, dass bestimmte Aktionen, bestimmte Reaktionen zur Folge haben und wir unsere Aktionen selbst bestimmen können, anstatt uns nur dem Schicksal zu ergeben und zu versuchen, die Geister gütig zu stimmen, die unsere Leben lenken. Doch ich merke auch die Verheißung, die an meiner Seele zieht. Die Verheißung, nicht mehr die Verantwortung für mein Leben vollumfänglich zu tragen, sondern sie sich mit einer höheren Macht zu teilen.

Nein, das will ich nicht! Ich will selbstbestimmt und verantwortlich leben!

Published inVom Versuch nicht „verrückt“ zu werden