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Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 22: Überinterpretation

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Es ist später Abend und ich sitze an meinem Wohnzimmertisch mit einem Glas Wasser in den Händen. Meine Hände zittern. Ich fühle mich aufgekratzt und von mir selbst genervt. Der Grund ist, dass ich eigentlich einen schönen Abend mit Freunden verlebte, doch irgendwann kam der Moment, in dem plötzlich ein Wort das andere gab und ein großer Streit entbrannte. Ein Streit, der so weit eskalierte, dass wir uns nur noch anschrieen, bis ich schließlich aufstand und ging.
Ich ging nach Hause und versuchte, etwas Schlaf zu finden, doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen, zu aufgekratzt war ich. Also stand ich wieder auf und setzte mich an den Wohnzimmertisch, mit einem Glas Wasser, um vielleicht so zur Ruhe zu kommen.

Zur Ruhe zu kommen. Ich atme tief ein und aus und frage mich, warum es nur so eskalierte. Ich höre in mich hinein und sehe einen kleinen Kobold, der munter vor sich hin summt. Einen Kobold, den ich aus meiner Kindheit kenne, den ich aber dachte, in meiner Jugend, in einen fensterlosen Raum ohne Licht und Luft gesteckt zu haben, auf dass er stürbe. Doch scheinbar hat er überlebt und ist jetzt wieder da. Scheinbar hat er den Raum, in den ich ihn sperrte, verlassen.
Der Kobold ist einer von vielen, die in jedem von uns Menschen wohnen. Es ist der Kobold, der, wenn man ihn nur lässt, jedes Wort auf die Goldwaage legt und dann freundlich lacht, wenn es knallt, denn dann bekommt er mehr und mehr Wörter, die er wiegen und in seinem Topf sammeln kann.
Jetzt ist also der Kobold wieder da und wiegt wieder die Wörter und lässt mich Aussagen überinterpretieren und mich allzu häufig mit einer zu kurzen Zündschnur antworten, auf dass es regelmäßig ein schönes Feuerwerk der Gefühle gibt.
Man könnte auch sagen, dass am Ende des Regenbogens kein Topf mit Gold wartet. Nein, wirklich nicht! Stattdessen wartet dort ein nörgelnder Kobold, der einem zeigt, dass der Spaß und die Freude vorbei sind. Ein Kobold, der seinen Topf mit Gold füllen möchte und zetert, wenn es mal Katzengold ist.

Meine Gedanken drohen endgültig in Allegorien abzudriften, und so zwinge ich mich wieder dazu, mich auf die Fakten zu konzentrieren. Was war passiert?
Wir unterhielten uns über belanglose Dinge, zumindest für mich belanglos, als sich plötzlich das Verhalten einer Bekannten änderte. Sie wurde abweisender und ihre Worte gemeiner. Ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Ich fragte mich, ob es etwas war, das ich sagte, doch mir fiel nichts auf. So versuchte ich, die Anspannungen zu entschärfen, mit einem Witz die Anspannung zu lösen, doch er verfing nicht. Stattdessen wurde es schlimmer und sie sagte einen Satz, der eigentlich harmlos war und über den ich bei jedem anderen Menschen hinweggegangen wäre, doch dieser Satz, von dieser Person, triggerte etwas in mir und der Kobold kam mit der Waage. Er begann, die Wörter zu wiegen und mehr als es eigentlich war, hinein zu interpretieren. Er interpretierte hinein, dass sie mich verletzen wollte, dass sie mir wehtun wollte, und dementsprechend reagierte ich auch. Im Nachhinein betrachtet, war sie aber eher mit der Situation überfordert, fühlte sich vielleicht nicht wertgeschätzt oder wahrgenommen, also alles keine schlimmen Gründe. Alles Gründe, die man leicht hätte entschärfen können, wäre da nicht der Kobold mit der Goldwaage gewesen, der mich zu viel hat hineininterpretieren lassen.

Ich denke nach und stelle fest, dass wir häufig Dinge anfangen überzuinterpretieren, wenn wir uns davon die Erfüllung unserer Hoffnungen versprechen oder wenn sie unsere innersten Ängste bedienen. Kurz, wenn Aussagen unsere Gefühle ansprechen und sie entweder zu bestätigen oder zu enttäuschen scheinen.
Schon früh merkte ich das und sperrte deswegen den Kobold weg. Ich sperrte ihn weg und nahm mir vor, in solchen Situationen erst einmal zurückzutreten und bestenfalls im ersten Moment gar nichts zu einem Thema zu sagen, um mir selbst des Sachverhaltes und meiner Gefühle bewusst zu werden und dann nachträglich den Sachverhalt zu klären. Doch mein Seelenhaus und seine Struktur sind mit den Jahren schwach geworden. Mit den seelischen Belastungen bekam es Löscher und jetzt?
Jetzt werde ich mir selbst fremd. Ich lasse nach und nach meine Ideale hinter mir und heize fahrlässig Konflikte an, die keinem etwas bringen und höchstens verbrannte Asche auf der Beziehungsebene hinterlassen.
Doch wie den grinsenden Kobold wieder stoppen? Wie ihn aufhalten, auf dass er keinen weiteren Schaden anrichtet? Ich weiß es nicht. Mir fehlt die Kraft, mich immer und immer wieder zu kontrollieren und zurückzunehmen.

Ich werde schwach und alt und mir wird angst um meine seelische Zukunft.

Published inVom Versuch nicht „verrückt“ zu werden