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Fine Dining, oder Kassensturz in der Mitte des Lebens

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Akt 1: „Fine Dining“

Ich sitze mit Bekannten, Freunde mag ich sie nicht nennen, denn zu viele weltpolitische und soziale Differenzen liegen zwischen uns, in einem Drei-Sterne-Restaurant. Ich habe mich dazu breitschlagen lassen, da sie meinten, das gehöre bei unserem Beruf und dem Einkommen, das wir verdienten, dazu. Jetzt sitze ich hier, schaue die mickrigen Portionen an, und finde es schon etwas dekadent. Doch das liegt nicht nur an den Preisen, die im Restaurant fürs Essen aufgerufen werden, nein, es sind auch die Gesprächsthemen meiner Kollegen, bei denen aus jedem Satz die Überheblichkeit tropft, mit der sie auf Menschen hinabschauen, die sich die Speisen nicht leisten können. Soziale und kulturelle Teilhabe ist ihnen ein Fremdwort, denn wie sticht man noch heraus, wenn sich alle das Gleiche leisten könnten und man nicht mehr durch sein Geld und seinen Pseudowohlstand heraussticht?
Sie nennen es Fine Dining, wo der Preis für ein Menü so viel kostet, wie eine vierköpfige Familie bräuchte, um sich eine Woche gesund und ausgewogen zu ernähren. Ich empfinde es als dekadent, vor allem, da sich die Anwesenden über den Geschmack der Speisen mokieren, wobei er eigentlich richtig gut, wenn auch etwas ausgefallen, ist. Sie lassen die Feinschmecker hinaushängen, die sie nicht sind, denn man merkt, dass sie einfach nur Wörter wiedergeben, die sie irgendwo aufschnappten. Wörter, von denen sie nicht genau wissen, was sie bedeuten.
Ich denke zurück an meine Kindheit und Jugend. Ich denke daran, wie wir uns gute Nahrung, wenn auch nicht die beste, leisten konnten, wobei wir in anderen Einkaufsfeldern Abschläge machen mussten. Meine Eltern setzten die Priorität auf gute Ernährung, auch wenn dafür bei anderen Einkaufsgruppen wie Kleidung und Luxusgütern Abschläge gemacht werden mussten.
Ich denke daran, wie ich auf meinem Bildungsweg ganz unten anfing und mich langsam, mit der Unterstützung meiner Eltern, hocharbeitete und schließlich auch im Berufsleben immer weiter voranschritt. Während ich hier im Restaurant sitze, frage ich mich, wann ich vergessen habe, wie es ist, nicht jeden Tag essen gehen zu können, sondern das Geld zusammenhalten zu müssen, damit es für die Nahrung und die anderen Grundbedürfnisse den ganzen Monat lang reicht. Als ich so über mein Leben sinniere, spüre ich Scham. Ich überlege, wann ich das letzte Mal einfach Freunde eingeladen habe, ohne zu erwarten, dass sie etwas mitbringen. Sie einfach eingeladen zu haben, weil sie mir wichtig sind, eine Schüssel Kartoffelsalat und etwas Brot auf den Tisch zu stellen. Sich dann einfach zu unterhalten und Spaß zu haben. Einfach eine gute Zeit mit Freunden zu verbringen. Ich muss sehr weit zurückdenken.
Im Restaurant kommen Gang um Gang und ich versuche, das Essen einfach zu genießen, und die schlechte Gesellschaft auszublenden, doch es fällt mir schwer. Zu abwertend sind die Gespräche derer, mit denen ich am Tisch sitze. Zu abgehoben sind die, die zum Teil mit goldenen Löffeln im Mund geboren wurden oder die den Aufstieg zwar selbst geschafft haben, aber jetzt umso mehr heraushängen lassen, was sie haben, um zu zeigen, wer sie sind, und um zu verdrängen, woher sie kommen.
Ich fühle mich nicht wohl in dieser Runde. Ich fühle mich nicht heimisch und frage mich, wann und wie ich den Kontakt zu meinen alten Freunden verloren habe. Dabei stelle ich fest, dass es schleichend war, als ich finanziell aufstieg. Ich möchte bewusst nicht „gesellschaftlich aufsteigen“ sagen, denn ich habe häufig den Eindruck, dass der sogenannte gesellschaftliche Aufstieg, eher ein Abstieg ist, da die Menschen häufig die Bodenhaftung verlieren, Neid, Missgunst und Verlustängste plagen und meiner Meinung nach auch vergessen, dass es im Leben nicht nur auf Reichtum und Prestige ankommt, sondern auch darauf, dass man gute Freunde findet. Dass man Freunde findet, auf die man sich verlassen kann, und man darüber hinaus die Welt im Laufe seines Lebens zu einem besseren Ort macht, also in Summe mehr Positives als Negatives bewirkt. Vor allem in der Hinsicht, sorgsam mit der Welt umzugehen, erlebte ich bei denen, die hier mit mir „fein essen“, einen Abstieg.
Während ich so sinniere und mit einem Ohr den Unterhaltungen folge, die am Tisch geführt werden, merke ich, dass ich mich in dieser Gruppe nicht wohlfühle. Vor allem, als sich die Anwesenden lautstark über die Steuerlast beschweren und meinen, dass sie das Land verlassen, wenn das so weitergeht. Sie sehen nicht, dass sie auch von dem, was mit den Steuern realisiert wurde, profitieren, seien es die Schulen, die einigen von ihnen den Aufstieg erst ermöglichten. Sei es die Infrastruktur, die ihnen ermöglichte, überall fließend Wasser, Kanalisation und Straßen, auf denen sie mit ihren viel zu großen Autos fahren können, zu haben. Sie sehen nicht, dass sie jetzt schon jedes Steuerloch nutzen und der Staat stark spart, vor allem an der Kultur und der sozialen Teilhabe. Nein, das sehen sie nicht, denn sie können sich ja selbst dieses „Fine Dining“ ohne Probleme mehrmals im Jahr leisten.

Endlich kommt der letzte Gang und ich bin froh, dass ich mich bald absetzen kann, ohne dass es gleich unhöflich wirkt. Ich merke, dass diese Gesellschaft, in die ich mich doch mit aller Gewalt hochgearbeitet habe, nicht die meine ist.
Den letzten Gang gegessen, bezahle ich meine Rechnung und gehe. Auf dem Nachhauseweg wird mir dabei bewusst, dass jede Entscheidung für etwas, eine Entscheidung gegen etwas ist. Selbst keine Entscheidung zu treffen oder treffen zu wollen, ist eine Entscheidung. So war die Entscheidung, zu der Einladung meiner Arbeitskollegen „Ja.“ zu sagen, und nichts zu ihren abfälligen Worten zu sagen, auch eine Entscheidung dafür, nicht etwas mit meinen alten Freunden zu unternehmen und um des Friedens willen einfach den Mund zu halten, um nicht als Außenstehender zu wirken oder ausgegrenzt zu werden.

Auf diesem, meinem Nachhauseweg vom „Fine Dining“ beschließe ich, wieder bewusstere Entscheidungen zu treffen und zu versuchen, meine Herkunft und meine früheren Ideale, nicht zu vergessen.

Akt 2: Ein geselliges Essen

Vier Wochen später. Ich treffe mich mit einigen Bekannten und Freunden in einem einfachen Restaurant. Mit dabei ein alter Freund, den ich drei Jahre lang nicht mehr gesehen hatte und mit dem ich mich verabredete, um einfach mal zu hören, wie es ihm in den letzten Jahren ergangen ist, und um vielleicht wieder an unsere alte Freundschaft anzuknüpfen. Der Abend macht mir viel Spaß und die Zeit vergeht wie im Flug, auch wenn es einige stressige Momente gibt. Schließlich geht der Abend zu Ende, und ich verlasse mit meinem alten Freund, mit dem ich ohne Probleme an die alten Zeiten anknüpfen konnte, das Restaurant. Beim Hinausgehen nickt er in Richtung einer guten Freundin von mir und meint: „Sag mal, du stehst auf sie, oder?“
Ich schaue einen Moment zu ihr hin, bevor ich ehrlich antworte: „Nein, ich war zwar eine Zeit lang kräftig in sie verliebt, aber wir waren gefühlstechnisch zu den verschiedensten Zeitpunkten in unserem Leben, immer auf unterschiedlichen Leveln. Ferner würde ich nicht das Wort ‚stehen‘ benutzen, denn was soll dieses ‚auf jemanden stehen‘ überhaupt sein? Steht man als Mann auf eine andere Person, wenn man eine Erektion bekommt, wenn man sie sieht oder sie sich vorstellt? Oder steht man als Frau auf eine andere Person, wenn sich bei deren Anblick vor Erregung die Brustwarzen verhärten und sie so ‚stehen‘? Oder bezieht sich das ‚auf jemanden stehen‘ darauf, dass man sich wünscht, dass der andere einem zu Füßen liegt und man auf ihm steht, also im übertragenen Sinne hofft, dass er einem zu Diensten ist, und alle Wünsche, besonders die sexuellen, erfüllt? So wie früher der König im Schmutz über seine Höflinge und Untertanen gegangen ist, um sauber zu bleiben?“ „Ähm, gute Frage, darüber habe ich noch nie nachgedacht“, sagt mein alter Freund, bevor wir uns voneinander verabschieden und wieder unsere eigenen Wege gehen.

Auf dem Nachhauseweg frage ich mich, warum ich auf die einfache Frage meines alten Freundes, so ausführlich antwortete. Nach einer Weile des Überlebens wird mir dabei bewusst, dass der Grund dafür ist, dass die Sprache, die wir tagtäglich benutzen, definiert, wie wir die Welt sehen, denn die Worte, die wir sagen, hören wir zuerst in unserem eigenen Kopf und dann auch noch, wenn wir sie selbst sprechen. Und wie sollte etwas, was wir selbst sagen, denn nicht wahr sein? Man sieht es auch an Lügen, von denen man selbst weiß, dass sie eigentlich nicht stimmen, doch wenn man sie nur selbst häufig genug sagt, man sie auch mit der Zeit selbst glaubt. Ach, die Macht der Selbstsuggestion, wenn auch unterbewusst.
In diesem Zusammenhang fällt mir auch die „Gebrauchtwagentheorie“ eines Bekannten ein, mit dem ich mich ungern abgebe, da sein Auftreten und sein Wesen einfach nicht mit meinen Überzeugungen übereinstimmen. Der Bekannte sagte mal: „Single-Frauen in unserem Alter sind wie Gebrauchtwagen: Sie haben alle Macken, sonst wären sie nicht auf dem Markt, und man muss halt schauen, ob man mit den Macken klarkommt.“
Wenn man diese Aussage ernst nähme, gäbe es kein sich-auseinander-leben und unterschiedliche Interessen entwickeln und sich dann auf neue Wege zu begeben, ohne dass man gleich einen „Makel“ hat. Nein, bei Aussagen wie dieser klingt immer mit, dass man über die Jahre „verbrauchter“ wird, und sich nicht weiterentwickelt, denn Fahrzeuge werden in der Regel einmal gebaut, ggf. ab und an einmal gewartet, aber selten umfassend erneuert.
Wenn man Menschen, vor allem mögliche Partner, als „Gebrauchtwagen“ bezeichnet, bringt man eigentlich zum Ausdruck, dass der andere ein Gebrauchsgegenstand ist, um zu seinen eigenen Zielen zu kommen, je nach Charakterausprägung auch noch zum Angeben beziehungsweise Posen, aber niemals auf Augenhöhe, denn ein Auto, hat keinen eigenen Willen. Dabei denke ich, dass die, die sich für einen guten Gebraucht- oder Neuwagen halten, die größten Schäden haben, da sie bereits mit einem Defekt in ihrem Steuerungssystem ausgeliefert wurden, da sie sonst so etwas nicht dächten und schon gar nicht sagten. Der Grund ist, dass, wie wir reden und welche Worte wir benutzen, definiert, wie wir die Welt sehen, denn wir hören unsere Worte immer als Erstes. Erst in unserem Kopf und dann in unseren Ohren, während wir sie sprechen. So brennen sie sich in unseren Kopf ein und bestätigen unser Weltbild. Auch wenn es falsch ist!

Mit diesen Gedanken komme ich zu Hause an, und lege mich ins Bett, wobei ich an die Freundin denke. „Nein, ich stehe nicht auf sie. Vielleicht bin ich aber immer noch etwas in sie verliebt, da ich sie einfach gern und in meiner Nähe habe. Auch abgesehen von irgendwelchen Körperlichkeit.“

Akt 3: Ein einsames Essen

Es ist ein Abend wie so viele. Ich sitze allein am Esszimmertisch, esse eine Kleinigkeit und denke über mein Leben nach. Diesmal beschäftigen sich meine Gedanken mit dem Essengehen mit Arbeitskollegen, Bekannten und alten Freunden, und mich beschleicht wieder einmal das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich nirgendwo dazugehöre. In all diesen Situationen läuft mein Kopf auf Hochtouren und analysiert die Menschen und das, was sie sagen, um mich herum. Mein Gehirn analysiert und bringt mich dazu, mich abzugrenzen oder gar zu widersprechen, wenn Falschheit, Überheblichkeit oder Abwertungen ausgesprochen werden. Ich kann nicht einfach weghören, die Dinge ausblenden und einfach eine gute Zeit haben. Nein, das kann ich nicht, und so grenze ich mich selbst ab und aus.
Ich denke an die Gespräche, an die unreflektierten Äußerungen und daran, wie sich die Anwesenden in ihren Worten auch noch anstachelten, um sich ins rechte Licht zu rücken. Zu zeigen, dass sie die einzigen sind, die die Welt verstanden oder etwas erreicht haben, um sich von anderen abzuheben.
Über diese Gedanken beginne ich auch, einen Kassensturz von meinem bisherigen Leben zu machen. Von meinem Leben, das statistisch gesehen zur Hälfte vorbei ist. Wenn ich mir mein soziales Umfeld betrachte, so stehe ich vor den Scherben meines sozialen Lebens, denn abgesehen von zwei, drei Freunden habe ich kaum soziale Verbindungen, da meine Gedanken und dementsprechend auch ich nicht zu den verschiedenen sozialen Gruppen passen, zu denen ich in meinem Alltag Kontakt habe. Das wievielte Mal ist es jetzt, dass mein soziales Umfeld in Scherben liegt? Wenn ich mich richtig erinnere, geschah es mindestens einmal pro Dekade, zumindest am Anfang meines Lebens, später war es eher aller fünf Jahre. Eine andere Schule, ein anderer Beruf, oder auch nur eine politische Krise, in der die Meinungen und Überzeugungen auseinanderdrifteten. Ich überlege, zu wie vielen ehemaligen Freunden ich den Kontakt verlor, da sie in den Krisen unserer Zeit populistischen Ideen und Verführern anheimfielen. Wieviele gaben ihre aufklärerischen und offenen Gedanken auf, da sie von ihnen überfordert waren und jemanden haben wollten, der ihnen die Welt einfach erklärt, einfache Lösungen präsentiert und ihnen verspricht, dass die „gute alte Zeit“ für immer bleiben kann? Über die Jahre leider viel zu viele. Doch ich wollte mein eigenes Denken, meine Überzeugungen, nicht abgeben, und so zerbrachen Freundschaften und Beziehungen, bis nur noch wenige übrig blieben. Ich muss mir zwar auch selbst eingestehen, dass ich immer wieder den Anschluss an die verschiedenen Gruppen suchte, doch nicht um jeden Preis, vor allem nicht gegen meine Überzeugung und mein Gewissen.

Also, was habe ich in meinem Leben schon erreicht? Welche Ideale habe ich bewusst oder unbewusst bereits über Bord geworfen? Was meine Finanzen und meine Arbeit betrifft, so stehe ich recht gut da. Was meine Ideale betrifft, so haben sie über die Jahre immer wieder Dellen erlitten, doch versuchte ich, sie hoch und instandzuhalten, damit ich mir im Spiegel zumindest noch selbst in die Augen schauen kann. Was mir noch bleibt? Die wenigen Freundschaften, die ich von Herzen führe, versuchen zu erhalten. Meine Ideale zu leben und vor allem die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Ob mir das gelingt, dürfen die Menschen entscheiden, die einst an meinem Grab stehen, falls dann überhaupt welche kommen. Wenn nicht, bleibt die Frage, was von einem bleibt, wenn der eigene Name von allen vergessen wird.

Published inErzählungen