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Autor: Johannes Raudonat

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 22: Überinterpretation

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Es ist später Abend und ich sitze an meinem Wohnzimmertisch mit einem Glas Wasser in den Händen. Meine Hände zittern. Ich fühle mich aufgekratzt und von mir selbst genervt. Der Grund ist, dass ich eigentlich einen schönen Abend mit Freunden verlebte, doch irgendwann kam der Moment, in dem plötzlich ein Wort das andere gab und ein großer Streit entbrannte. Ein Streit, der so weit eskalierte, dass wir uns nur noch anschrieen, bis ich schließlich aufstand und ging.
Ich ging nach Hause und versuchte, etwas Schlaf zu finden, doch der Schlaf wollte sich nicht einstellen, zu aufgekratzt war ich. Also stand ich wieder auf und setzte mich an den Wohnzimmertisch, mit einem Glas Wasser, um vielleicht so zur Ruhe zu kommen.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 21: Spiritualität

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Das Davonrennen vor meinen Gedanken führte dazu, dass ich mich mehrere Tage komplett verausgabte und mir jetzt all meine Muskeln schmerzen, so dass ich kaum noch aufzustehen vermag. Was tun? Irgendwelche Filme oder Serien schauen? Nicht mein Ding. Eine Zeitung lesen? Keine Lust. Ich lasse meinen Blick über mein Comic- und Manga-Bücherregal streifen. Er bleibt beim Manga „Shaman King“ hängen, meinem einstigen Lieblingsmanga. Ich greife nach dem ersten Band und überlege, wann ich ihn das letzte Mal gelesen habe. Es ist sicherlich schon eine Dekade her. So lege ich mich auf mein Sofa und beginne zu lesen.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 20: Personenkulte und der Kampf zwischen dem Individuum und der Allgemeinheit

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ich bin mit einem Freund und seiner Tochter spazieren. Die Tochter kenne ich seit zehn Jahren, also knapp nach ihrer Geburt, als sie noch von ihren Eltern im Kinderwagen durch die Gegend geschoben wurde, da sie nur so verlässlich einschlief. Bei einer Pause sagt das Mädchen, dass ihr Vater daran denken solle, dass er ihr versprochen habe, auf dem Rückweg noch mit ihr einkaufen zu gehen. Sie spricht von Produkten, die ich nicht kenne, woraufhin ich ihren Vater danach frage. Auf meine Frage hin meint er, dass das Produkte einer Influencerin seien, die seine Tochter gerade als Idol verehrte. Den Namen der Influencerin, den er nannte, hatte ich noch nie gehört, und als ich das zum Ausdruck bringe, schaut mich das Mädchen skeptisch an und fragt, ob ich die letzten Jahre unter einem Stein gelebt hätte.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 19: Eine Nacht im dunklen Wald

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Während ich auf der Burgruine war, hatte ich die Zeit vergessen, sodass bereits die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Doch nicht nur das. Um meine Gedanken zu beruhigen, hatte ich ruhige Musik gehört, sodass mein Smartphone ausging, was auch der Grund dafür war, aus meinen Gedanken aufzutauchen und die vorgerückte Stunde zu bemerken.
Also los. Erst relativ zügig und dann, mit abnehmender Helligkeit, immer langsamer und auf jeden Schritt bedacht, mache ich mich auf den Rückweg.
Da ich keine Musik oder ein Hörbuch mehr hören kann, um meine Gedanken zu beruhigen, beginnen sie zu wandern.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 18: Von Liebe, Romantik und Sexualität

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Los, noch fünf Kilometer wandern. Los, noch mehr verausgaben, damit die Gedanken endlich verstummen. Los, weiter.
Jetzt stehe ich auf einer Burgruine, auf einem Berg, und schaue ins Tal hinab. Die Menschen und Städte liegen so klein vor mir. Ich atme langsam ein und wieder aus. Mein Puls kommt zur Ruhe. Ich schaue auf meine Smartwatch und stelle fest, dass ich bereits 34 Kilometer gelaufen bin.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 17: Dunkle Geheimnisse

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Gefährliche Worte erzählte sie dir,
etwas davon weckte meine Gier,
heimlich wollte sie es nicht länger halten,
endlich ein neues Leben gestalten,
in dem du ihr Absolution gäbest,
mit ihrem Geheimnis in der Brust fortan lebtest.

Hoffentlich hält das deine Moral aus,
auf jeden Fall kommst du aus dem Dilemma nicht raus,
lieber hätte sie es dir nie erzählt,
tagein, tagaus, etwas, das dich quält.
Ein Geheimnis von dunkler Gestalt,
nun hast du sie aber auch in deiner Gewalt.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 16: Ein schlechter Morgen

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Ich wache auf. Mein Kopf brummt und mir ist schlecht. Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass es eigentlich Zeit wäre, aufzustehen. Doch ich kann mich nicht dazu aufraffen und denke, dass es ein guter Tag wäre, einfach einmal liegenzubleiben und die Welt, Welt sein zu lassen.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 15: Die Verarmung der Sprache

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Urlaubszeit neigt sich ihrem Ende entgegen und kurz bevor sie zu Ende geht und viele meiner Freunde sich wieder in ihre Alltagsroutinen stürzen, treffen wir uns zu einem gemeinsamen Abendessen. Es ist ein gemütlicher Abend und den ein oder anderen Freund frage ich, wie denn der Urlaub war. Doch die Antworten sind keine Beschreibungen, die Bilder in meinem Gehirn erschaffen. Keine Worte, die Eindrücke, Gefühle oder auch nur Düfte beschreiben. Nein, die Antwort, die ich am meisten von meinen Freunden erhalte, ist: „Hättest du Instagram, könntest du die Bilder von unserem Urlaub sehen.“

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 14: Der Schrei

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ich sitze mit einigen Freunden zum gemeinsamen Abendessen am Tisch. Ich unterhalte mich gerade mit einer Bekannten, die ich seit zwei Jahren nicht mehr sah, als plötzlich eine Freundin, die ich sehr mag, mich anschreit. Sie schreit: „Dann gib es halt her!“, worauf ich ihr, wie automatisch, das geforderte Utensil reiche. Wobei ich etwas unter Schock stehe, da ich nicht weiß, warum sie mich plötzlich anschreit. Ich frage sie, was denn los sei und sie meint, dass sie doch gehört habe, dass ich unzufrieden damit bin, dass sie ihre Küchenaufgabe noch nicht erledigt habe. Auf meine Aussage hin, dass wir gar nicht darüber gesprochen hätten, meint sie, dass sie sich dann wohl verhört habe. Doch ihre Aussage stellt mich nicht zufrieden, denn dann hätte sie mich nicht angeschrien, sondern nur nachdrücklich nach dem Utensil gefragt, mit der Begründung, die Arbeit fertig machen zu wollen. Sie hätte vielleicht etwas genervt geklungen, doch geschrien hätte sie sicher nicht.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 13: Schöne Momente

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Endlich Urlaub. Drei Wochen nicht an Arbeit denken, entspannen und wandern gehen. Ich freue mich darauf. Die ersten Tage bringe ich meine Wohnung in Ordnung, dann gehe ich einige Tage wandern und während ich wandere, beginnen auch meine Gedanken zu wandern. Sie wandern zu den Erlebnissen der letzten Monate. Und ich bin überrascht, dass das hauptsächlich negative Momente sind. Streit, Auseinandersetzungen und Missgunst. Mein Leben besteht doch nicht nur aus solchen Momenten, oder?

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 12: Der Tod vibriert am Handgelenk

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Ich bin auf der Arbeit und sitze in einer Besprechung. Die Besprechung neigt sich ihrem Ende entgegen, als plötzlich meine Smartwatch vibriert und eine Nachricht anzeigt. Die Nachricht ist von meiner Mutter und lautet wie folgt: „Der Kater ist tot.“ Sofort merke ich, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird und ich muss mit mir ringen, dass mir nicht die Tränen in die Augen steigen. Ich ringe mit mir, noch die Besprechung durchzustehen und am besten nichts zu sagen, da ich weiß, dass dann meine Stimme versagte.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 11: Toxische Männlichkeitsideale

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Es stellte sich leider heraus, dass ich der Freundin wirklich einen Kuss gestohlen hatte. Andere anwesende Bekannte bestätigten mir das und meinten, dass sie ganz verwundert darüber waren, dass ich so ein Verhalten an den Tag legte, da das gar nicht zu mir passen wollte. Ich versuchte auch mich bei der Freundin zu entschuldigen, doch auf meine Nachrichten antwortete sie nicht und zufällig sehen, tat ich sie auch nicht.
Was das Monster betrifft, so ist es zurück und ob ich jetzt im Traum oder im Wachen mit ihm Zwiesprache gehalten hatte, ist erst einmal irrelevant. Ferner stellte ich fest, dass es damit recht hatte, dass ein neuer Kampf mit ihm noch schwerer als der erste würde. Der Grund dafür ist, dass es wirklich schwer ist, es von der Nahrungsversorgung abzuschneiden. Überall im Internet und in den sozialen Medien stolpert man über Artikel, in denen Influencer erklären, wie man am besten Frauen abschleppt, gerade so, als wären sie Objekte. Doch nicht nur das, darüber hinaus findet man auch Tipps dazu, was ein Mann tun und lassen muss, um Frauen zu imponieren. Es ist wie aus dem Lehrbuch der klassischen Ehe des neunzehnten Jahrhunderts, was die selbst genannten Manfluencer und Pick-up-Artists da online verbreiten.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 10: Der gestohlene Kuss oder das Monster im Käfig

Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Der Abend ist spät geworden und die Zeit des Aufbruchs ist gekommen. So stehe ich auf und verabschiede mich von meinen Freunden und Bekannten mit einer Umarmung. Zuletzt umarme ich eine Bekannte, die mir seit Jahren gut und teuer ist. Als ich sie so umarme, sehe ich ihr schönes Lächeln, ihre glitzernden, freundlich in die Welt blickenden Augen und spüre ihre Nähe, die mich entspannen lässt. In diesem Moment greift etwas nach meiner Seele, flüstert mir ein, sie doch einfach zu küssen und ich versuche mich zu wehren, doch es gelingt mir nicht. Wie ferngesteuert neige ich mich nach vorn, um ihr einen Kuss zu stehlen, doch scheinbar möchte sie ihn sich nicht klauen lassen, denn sie drückt mich von sich weg und kurze Zeit später spüre ich ihre Hand schmerzhaft auf meiner linken Wange. Zur gleichen Zeit ertönt ein lautes Klatschgeräusch und bevor ich noch etwas sagen kann, drehte sie sich weg und verschwindet aus meinem Sichtfeld.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 9: Eifersucht und Schüchternheit

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Es ist Samstagabend und ich habe mich doch noch dazu durchringen können, mich mit einigen Freunden und Freundinnen zum gemeinsamen Kochen zu treffen. Ein Abend, um abzuschalten und zu versuchen, jegliche politische Diskussionen zu umfahren. Der Abend beginnt auch vielversprechend und zu meiner Freude ist auch eine Freundin da, die ich sehr mag. Eine Freundin, die ich fast zu sehr mag.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 8: Die Linke und die Rechte

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Es ist Freitagabend und ich sitze an meinem Wohnzimmertisch und höre leise Musik. Eine anstrengende Woche liegt hinter mir und eigentlich wollte ich noch weg. Vielleicht ein paar Freunde in einer Bar treffen oder mal wieder zum Sportverein, alte Bekannte treffen und etwas gegen meinen immer mehr Raum greifenden Bauch tun. Doch ich kann mich nicht aufrappeln.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 7: Es ist nur lustig, wenn man nicht selbst betroffen ist

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Mal wieder sitze ich an einer Haltestelle und warte auf die S-Bahn. Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass sich mein halbes Leben beim Warten auf und in öffentlichen Verkehrsmitteln abspielt, doch dem ist nicht so. Es ist nur so, dass an S-Bahnhaltestellen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln viel passieren kann und auch passiert, was von der Routine abweicht und man Menschen sieht oder trifft, mit denen man normalerweise keinen Kontakt hat. Dadurch kommt einem in der Retroperspektive die Zeit häufig länger vor, da einfach mehr Erinnerungen vorliegen, als in den Zeiten, die man auf der Arbeit oder Zuhause verbringt, die hauptsächlich routiniert ablaufen und aufgrund dessen wenige neue Erinnerungen erschaffen.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 6: Soziale Medien

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Immer öfter sitze ich, wie jetzt, einfach im Zug, höre leise Musik und betrachte die Menschen um mich herum, die gebannt auf ihre Smartphones schauen und sich durch die verschiedenen Social-Media-Apps wichen. Ich betrachte die Menschen, da mir seit einiger Zeit der Nerv fehlt, um Zeitung zu lesen, und ich ja schon vor einigen Wochen alle Social-Media-Apps von meinem Smartphone verbannte. Am Anfang war das noch ungewohnt, denn wie automatisch nahm ich das Smartphone zur Hand, um zu schauen, ob es etwas Neues gibt, nur um dann festzustellen, dass ich die Apps gar nicht mehr auf meinem Smartphone habe. Doch mit der Zeit gab sich der Zwang und selbst abends stürzte ich bald nicht mehr an meinen PC, um zu überprüfen, was ich denn „wichtiges“ verpasst habe.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 4: Die Abstimmung mit den Füßen

Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Manch einmal ist Routine das Einzige, was einen noch funktionieren lässt. So auch bei mir. Schlafen, aufstehen, zur Arbeit gehen, heimkommen, etwas Haushalt machen und wieder schlafen. Zwischendurch noch etwas essen oder trinken, und dabei möglichst wenig denken. Schon ist das routinierte Leben da. Ob so ein Leben sinnvoll oder erfüllend ist, sei erst einmal dahin gestellt, denn zumindest bekommt man seine Zeit so herum, so auch ich.
Nachdem ich erfahren hatte, dass meine beste Freundin erst einmal nichts mehr mit mir zu tun haben möchte, brach ein Teil meiner Welt zusammen und nur die Routine ließ mich noch funktionieren. Nach einer Woche schrieb ich noch einmal meiner besten Freundin, ob wir uns zum Reden treffen könnten, worauf ich wieder keine Antwort erhielt. Ich überlegte gar, ob ich sie vielleicht einmal überraschen sollte, indem ich bei unserer gemeinsamen Freundin vorbeiginge, da ich wusste, dass sie bei ihr, bis sie wieder eine eigene Wohnung gefunden hat, Unterschlupf gefunden hatte. Doch das käme selbst mir übergriffig vor. Und übergriffig wollte ich nicht erscheinen, denn dann hätte unsere Freundschaft erst recht keine Zukunft mehr.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 3: Die gute Freundin

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Als ich auf dem Heimweg in der S-Bahn sitze und an meinem Smartphone kurz die neusten Nachrichten des Tages überfliege, ploppt eine Mitteilung auf, dass mir meine beste Freundin eine Sprachnachricht geschickt hat. Ich öffne die Messenger-App und höre ihre Sprachnachricht an.

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 2: Ein alter Klassenkamerad

Geschätzte Lesezeit: 12 Minuten

Ich wache wieder schweißgebadet auf, nur diesmal auf meinem Sofa. Verdammt, wie spät ist es? Ich schaue auf die Uhr. Mitternacht. Na dann habe ich ja noch Zeit, noch eine Runde zu schlafen, doch zuerst gehe ich ins Bad, dusche mich und putze mir die Zähne, bevor ich mich schließlich in mein Bett fallen lasse. Im Bett kann ich aber nicht wieder einschlafen. Gedanken streifen durch meinen Kopf. Warum war ich schon wieder durchgeschwitzt? Ich versuche mich daran zu erinnern, ob ich etwas träumte, und tatsächlich erinnere ich mich vage an einen Traum, oder war es doch eher ein Bild von einem Traum? Ich erinnere mich, das Abschlussbild meiner Mittelschulklasse zu sehen. Ich, leicht rechts, hinter vielen Köpfen beinahe verdeckt. Doch, viele lachende Gesichter um mich herum. Plötzlich fangen einige an zu verblassen, bis sie schließlich gänzlich verschwinden. Bei wieder anderen, um genau zu sein, bei vier meiner damaligen Mitschüler, vertrocknet die Haut und das Fleisch und am Ende sind nur noch Gerippe übrig. Das Verschwinden meiner ehemaligen Klassenkameraden geht so lange, bis nur noch die vier Gerippe, einer meiner alten Freunde und ich, auf dem Bild zu sehen sind. Doch scheinbar ist das Ende noch nicht erreicht, denn auch der Freund verblasst schon langsam. Was mag das nur bedeuten?

Vom Versuch nicht „verrückt“ zu werden – Teil 0: Prolog

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Ich sitze an meinem Esszimmertisch und versuche, einem Hörspiel zu folgen. Es gelingt mir nicht. Meine Gedanken schweifen wieder und wieder ab. Sie schweifen zu all den Problemen und Anforderungen, die mir Tag für Tag begegnen. Sie lassen mich einfach nicht zur Ruhe kommen.
Ich bin unzufrieden mit mir selbst. Ich merke, wie ich mich langsam, aber stetig verändere. Wobei die Veränderung an und für sich eigentlich nicht das Problem ist. Das Problem ist, dass ich mich in eine Richtung verändere, die mir selbst zuwider ist. Ich merke, wie ich immer dünnhäutiger werde. Wie ich immer schneller aus der Haut fahre und häufig denke „Was für ein Idiot.“, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die meine Sicht auf die Welt nicht teilen.

Die „fehlgeschaltete“ Ampel

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Reifen quietschen und wenige Zentimeter vor meinen Beinen bleibt ein Auto stehen, das gerade eben schon einmal stand, aber plötzlich mit Vollgas anfuhr. Mein Herz pocht rasend und ich schaue durch die Frontscheibe des Autos, das mich beinahe überfahren hätte. Die Frau, wobei es auch ein Mann sein könnte, denn ähnlich Situationen habe ich auch schon mit männlichen Autofahrern erlebt, zeigt mir einen Vogel und zeigt auf die Fußgänger Ampel in meinen Rücken, die rot anzeigt, worauf hin ich auf die Fußgängerampel zeige, auf die ich zulaufe und die immer noch grün ist, aber die Frau nimmt die grüne Ampel nicht wahr oder will sie nicht wahrnehmen und zeigt immer weiter auf die rote Fußgängerampel in meinem Rücken und ich denke bei mir: „Schon wieder ein Autofahrer, der viel zu wenig zu Fuß unterwegs ist, denn sonst wüsste er, dass bei breiten Straßen, die einen Mittelstreifen mit Ampeln haben, die Ampeln zwischen den Fahrspuren meistens eher auf Rot schalten als die außen liegenden. Der Grund dafür ist, dass dadurch nur in Ausnahmefällen, sehr langsame Menschen, auf dem Mittelstreifen stehen bleiben müssen, während die, die in normalem Tempo die Straße kreuzen, zügig über den Mittelstreifen auf die andere Straßenseite wechseln können.“

Ich, der Frosch – Eine Satiere

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Übermüdet wache ich auf und gehe vom Schlaf- ins Wohnzimmer. Ich schaue aus dem Fenster und mein Wohnzimmer spiegelt sich in der Scheibe vor dunkler Nacht. Womit ich nicht rechne, ist, dass ich anstelle meiner einen Frosch sehe. Verdammt, scheinbar hat mich jemand verflucht. Ich schaue mich weiter in der spiegelnden Scheibe an und stelle fest, dass es mich hätte schlimmer treffen können, wie Gregor Samsa in Kafkas Roman „Die Verwandlung“, der in „Ungeziefer“ verwandelt wurde. Dann doch lieber ein Frosch, denn wenn ich ehrlich bin, so habe ich so einen flachen Bauch und so gelenkige Gliedmaßen schon lange nicht mehr. Ferner besteht ja noch die Hoffnung auf eine Rückverwandlung, wenn ich mich nur daran erinnerte, was es ist, das den Fluch im Märchen bricht.
Da gab es doch das eine Märchen der Gebrüder Grimm. Ach, wie hieß es noch einmal. Ach ja, es war das Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ in dem die Prinzessin den Frosch durch einen Kuss zurückverwandelt. Doch wie jetzt ein Mädchen finden, das mich küsst?

Du lebst nur einmal – Teil 15: Der Tod

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Zwei Wochen plagte mich der grippale Infekt. Zwei Wochen ständiges Husten und verstopfte Nasennebenhöhlen. Zwei Wochen, in denen ich aus Atemnot keine Strecken laufen konnte, die länger als fünfhundert Meter waren. Doch jetzt, genesen, möchte ich mich wieder mehr bewegen und meine Leistungsfähigkeit steigern. So beschließe ich jeden Tag spazieren zu gehen und jeden Tag die Entfernung etwas zu steigern, bis ich wieder mein altes Fitnesslevel erreicht habe. Gedacht, getan und so ziehe ich meine Jacke und meine Wanderschuhe an und gehe los.

Du lebst nur einmal – Teil 14: Kulturelle Aneignung und Cancel culture

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Gerädert stehe ich auf. Mein Kopf brummt. Die halbe Nacht lag ich wach und habe gehustet, und das an einem langen Wochenende. Ich trinke reichlich Tee und lege mich wieder in mein Bett, doch schlafen kann ich nicht. Ich möchte ein Hörspiel hören, wie ich es schon die halbe Nacht tat, in der ich seit Langem mal wieder angefangen habe, die Hörspielserie TKKG von Anfang an zu hören. Wobei ich feststellte, dass mir die alten Folgen besser gefallen, als die neuen, in denen sich die Protagonisten immer weniger in der Natur aufhalten und eigentlich überall ihre Handys und Smartphones dabeihaben. In den frühen Folgen sind sie durch Wälder und Moore gestrichen und mussten nach Telefonzellen suchen, um jemanden zu erreichen. Heute haben Sie ein Handy oder Smartphones und können sofort jemanden anrufen, wo bleibt denn da die Spannung? Als ich so die Hörspiele höre, komme ich zur Folge 19 „Der Schatz in der Drachenhöhle“. Doch sosehr ich auch suche, ich kann sie bei keinem der Streamingdienste finden. Es wundert mich, dass es das Hörspiel nicht mehr geben soll, denn in meiner Kindheit besaß ich sogar die Kassette und sie war eine meiner beliebtesten Hörspielfolgen. Ich recherchiere kurz, warum sie nicht online verfügbar ist und lese, dass sie nicht digital veröffentlicht wurde, da es Jugendschutzbedenken gäbe und bestimmte Bevölkerungsgruppen negativ dargestellt würden. Ich überlege, worum es in der Folge ging. Es ging um eine Kanufahrt und eine Schatzkarte. Um eine Gruppe „Biker“, die eine Gruppe „Zigeuner“ gegen TKKG aufhetzten und darum, die versteckte Beute eines Raubes in der sogenannten Drachenhöhle zu finden. Ja, ich muss zugeben, die sogenannten „Zigeuner“ wurden nicht besonders gut dargestellt und heute würde man solch ein Hörspiel wahrscheinlich nicht mehr produzieren. Es war halt ein Kind seiner Zeit. Doch hätte man nicht mit einem Vorwort arbeiten und an dem Hörspiel aufzeigen können, dass zum einen die Stigmatisierung von bestimmten Bevölkerungsgruppen nicht gut ist und die Kriminalisierung von ihnen eben häufig dazu führt, dass ebendiese Menschen in die Kriminalität getrieben werden? Aber es ist, wie so häufig, eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, ein Blick zurück in den Spiegel, ist nicht gewünscht. Lieber wird die Vergangenheit verdrängt, in der Hoffnung, dass sie für immer vorbei ist, doch wenn man die Vergangenheit vergisst, neigen leider die meisten Menschen dazu, sie und ihre Fehler zu wiederholen, da sie eben nicht mehr um die Konsequenzen bestimmten Handelns wissen.

Du lebst nur einmal – Teil 13: Sperrmüll

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Mit Beginn der Arbeitswoche nimmt mich wieder die Arbeit so in Beschlag, dass ich kaum Zeit habe, meine Gedanken frei schweifen zu lassen. Sie sind voll und ganz damit beschäftigt, auf der Arbeit Probleme zu lösen. Die Zeit abseits meiner Arbeit und meine übrig gebliebene Gedankenkapazität verwende ich dafür, die häuslichen Pflichten zu erfüllen, bevor ich gegen acht Uhr abends übermüdet ins Bett falle.
Doch diese Routine wird unterbrochen, als ich Mittwochnachmittag nach Hause komme und in meinem Wohngebiet überall kubikmeterweise Sperrmüll stehen sehe. Als ich diese Reste unserer Wohlstandsgesellschaft sehe, beginnen meine Gedanken zu rumoren und selbst meine Alltagsroutine, die mich unter der Woche funktionieren lässt, schafft es nicht mehr, sie zum Verstummen zu bringen. Der Grund dafür ist, dass etliche Dinge, die dort auf den vielen Haufen liegen, noch nutzbar wären, aber aussortiert wurden, da sie scheinbar den Geschmack der Besitzer nicht mehr treffen. Doch nicht nur das, bei vielen Dingen, die sich auf den Haufen befinden, sieht man, dass sie aus einer Laune oder einem Trend heraus gekauft wurden und nicht mit der Absicht, sie über einen längeren Zeitraum zu nutzen. Es sind teilweise Möbel mit kurzer Lebensdauer, die möglichst billig produziert und bei deren Konstruktion bereits der schnelle Verschleiß eingeplant wurde. Es sind Dinge, die die Menschen immer und immer wieder kaufen sollen, um so den Konsum hochzuhalten.

Du lebst nur einmal – Teil 12: Der Kater

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Auf dem Rückweg von meiner Wanderung beschließe ich noch meinen Eltern und dem Haus, in dem ich eineinhalb Dekaden meines Lebens verbrachte, einen Besuch abzustatten. Als ich das Haus erreiche, ist es bereits später Nachmittag, und als ich klinge und mir die Haustür geöffnet wird, sitzt schon der Kater in der Tür und schaut mich missmutig an. Er hat mir scheinbar immer noch nicht verziehen, dass ich vor vier Jahren ausgezogen bin und ihn hier zurückließ, aber eine Wohnung in der Stadt, ohne Freigang, wäre für ihn, der immer Freigänger war und seinen eigenen Kopf hatte, nichts gewesen.

Du lebst nur einmal – Teil 11: Auf einer Aussichtsplattform

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Es ist Sonntag und nachdem ich in aller Herrgottsfrühe zu einer Wanderung aufgebrochen bin, stehe ich jetzt auf einer Aussichtsplattform am Rande eines Braunkohletagebaus und schaue in eine grün-schwarze Grube, die so weit reicht, wie mein Blick. Es ist ein Tagebau, in dem seit Jahrzehnten Braunkohle abgebaut wird und in dem sich selbst jetzt noch, Jahr für Jahr, weiter Bagger durch die Erde graben und die Kohle auf große Förderbänder werfen, die direkt ins Kraftwerk führen. Der Tagebau sieht aus, wie ein lebensbedrohlicher Ort, wobei sich an den Stellen, wo schon lange keine Bagger mehr fuhren, die Natur langsam den Raum zurückerobert, wobei sie das nur temporär schaffen wird, bevor schließlich der Tagebau, sollte Deutschland tatsächlich aus der Kohleverstromung aussteigen, geflutet wird.

Du lebst nur einmal – Teil 10: Der Spieleabend

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Es ist Freitagabend und ein paar Freunde und ich haben uns zum Spieleabend getroffen. Jetzt sitzen wir zu viert am Tisch und spielen EXIT-Games und Wizard. Die zwei Arten von Gesellschaftsspielen spielen wir, da einige von uns nicht tagtäglich in Wettstreit treten möchten, sondern gemeinsam Rätsel und Aufgaben lösen und einige andere von uns nicht gerne als Teil einer Gruppe um einen gemeinsamen Sieg spielen, sondern gerne sich mit den andern messen möchten. Dadurch sind die Spiele ein Stück weit der Spiegel unserer Gesellschaft, in der einige zusammenarbeiten, um Probleme und Aufgaben zu lösen, während andere wiederum sich nur messen möchten, um zu zeigen, wie gut sie im Vergleich zu anderen sind.
Mir persönlich gefallen die kooperativen Spiele besser, da man da zusammen an der Lösung arbeitet und nicht nur für sich überlegt, wie man andere übertrumpfen kann. Dass Menschen andere Menschen übertrumpfen und zum Teil schlecht da stehen lassen möchten, begegnet mir schon im Alltag genug, in dem sich Menschen auf Kosten anderer bereichern und sich zum Teil mit fremden Federn schmücken, um gut dazustehen, gelobt oder befördert zu werden. Sie sind sich selbst die nächsten, während andere nur Mittel zum Zweck sind und dieses Verhalten soll ich dann noch in meiner Freizeit, beim Spielen, ertragen? Wohl eher nicht.
Aber so wie es in der Demokratie sein sollte, so ist es auch bei unseren Spieleabenden, wir stimmten ab und spielten dann meistens je zur Hälfte, kooperative Spiele und Spiele, in denen man im Wettstreit zueinander steht.

Du lebst nur einmal – Teil 9: Der Blick über den Tellerrand

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Es ist Donnerstag und ich komme gerade von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause. Im Treppenhaus erwartet mich bereits die Wochenzeitung „Die Zeit“, die ich seit einem halben Jahr wieder abonniert habe. Ich hebe sie auf und gehe in meine Wohnung. Ich hänge meine Jacke an den Kleiderhaken und stelle meinen Rucksack in die Ecke. Schließlich setze ich mich hin und schlage die Zeitung auf. Was gibt es Neues in der Welt?
Ich beginne zu lesen, wobei ich nicht nur Artikel lese, die mich vordergründig interessieren, sondern auch viele andere Artikel, einfach um meinen Horizont zu erweitern und nicht nur in einer Blase zu existieren, die aus meinen Interessen besteht und alles andere ausblendet. Die einzigen Artikel, die ich mitunter überspringe, sind Sportartikel und einige Artikel aus dem Feuilleton. Da mich Sportartikel über Vereine und Turniere auch im weitesten Sinn nicht betreffen, da ich mich lieber selbst bewege, anstatt über die Bewegung anderer zu lesen und mich auch nicht Artikel über Mode und Bücher berühren, da meine Zeit zum einen gerade so dafür reicht, „Die Zeit“ in einer Woche durchzulesen und zum anderen Mode mich nur dahingehend interessiert, dass sie möglichst nachhaltig produziert werden und langlebig sein sollte.

Du lebst nur einmal – Teil 8: Routine

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Ich wache auf. Ein Piepsen weckte mich, das aus meinem Schlafzimmer kommt. Ich raffe mich auf, gehe ins Schlafzimmer und schalte den Wecker ab. Montagmorgen. Ich gehe ins Bad, mache meine Morgentoilette und nachdem ich etwas gegessen habe, mache ich auf den Weg zur Arbeit und somit erst einmal auf zur Straßenbahnhaltestelle.
In der Straßenbahn lese ich etwas. Dann geht es ans Umsteigen, wofür ich mit einigen anderen Leuten vier Ampeln überqueren muss, da aufgrund einer Baustelle die Straßen- und S-Bahnen Umleitung fahren und nicht mehr an der gleichen Haltestelle, sondern an der gegenüberliegenden Kreuzungsseite halten.

Du lebst nur einmal – Teil 7: Kultur

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Das Hörspiel endet, aber ich weiß eigentlich gar nicht, was ich da gerade hörte, zu weit weg waren meine Gedanken. Auch meine Müdigkeit ist noch vorhanden. Was soll ich nur tun? Ich gehe zum Schallplattenspieler und lege eine Platte auf. Aus den Boxen klingen jetzt Lieder der Band „Dritte Wahl“. Lieder, die eine Kritik an unseren zerstörerischen Lebensstil üben. Lieder, die Steuervermeidung, Umweltzerstörung und rechtes Gedankengut geißeln. Ich mag die Lieder und fange an mitzusummen, wobei ich mich wieder aufs Sofa lege.

Du lebst nur einmal – Teil 6: Religion

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Übermüdet lege ich mich auf mein Sofa und spiele noch ein Hörspiel ab. Doch immer noch nicht möchte mich Morpheus in seine Arme schließen. Stattdessen dämmere ich vor mich hin und lausche dem Hörspiel. Plötzlich höre ich das Geläut von Glocken. Es sind die Kirchenglocken, die die Gläubigen zum Gottesdienst rufen. Ich überlege, wann ich das letzte Mal in einer Kirche war und mir wird bewusst, dass es Jahre her ist. Es war, als mein Cousin konfirmiert wurde. Dabei bin ich doch selbst getauft und sogar konfirmiert. Was hält mich denn dann davon ab, in die Kirche zu gehen oder besser gefragt, was entzweit mich von ihr?

Du lebst nur einmal – Teil 5: Eine durchwachte Nacht

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Hundemüde komme ich zu Hause an. Ich schleppe mich ins Bad, dusche und putze mir die Zähne, bevor ich mich bettfertig mache. Ich lege mich hin. Doch der Schlaf möchte sich nicht einstellen. Meine Gedanken kreisen. Sie wandern von einem zum anderen Thema und wieder zurück. Es ist schlimm, doch nicht das erste Mal, dass ich solche Gedankenspiralen habe. Nein, sie kommen bei mir häufiger vor. Es braucht nur einen auslösenden Gedanken oder eine auslösende Frage und schon wird jedes gehörtes Wort, jedes Bild oder jedes Erlebnis in dessen Kontext betrachtet. Doch nicht nur das. Diese ersten Gedanken führen dann wiederum zu neuen Gedanken und so weiter und so fort.
Meistens macht es mir Spaß, meinen Gedanken hinterherzugehen und zu versuchen, die Welt zu verstehen, denn sagte nicht schon René Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ und machen mich aufgrund dessen nicht erst meine Gedanken zu einem Menschen und nicht zu einer Maschine oder einem willenlosen Befehlsempfänger und Meinungskonsumierer, wie man sie leider heute viel zu häufig sieht, da denken und sich eine eigene Meinung zu bilden nun einmal anstrengend ist? Lebt denn nicht der Mensch einfacher, der widerspruchslos die Meinungen und Gedanken von anderen übernimmt, da er dann sich keine eigene Meinung bilden und gegebenenfalls verteidigen muss? Ja, diese Menschen leben einfacher, vor allem wenn es Stammtischmeinungen sind, die gar nicht die Komplexität unserer Welt abbilden, aber ihre inneren Wünsche und Gelüste zu befriedigen versprechen.
Ach, das Denken ist schon eine Krux und manchmal denke ich, dass man einen gewaltigen Fetisch haben muss, um es ausgiebig zu praktizieren.

Du lebst nur einmal – Teil 4: Ein gemütlicher Abend

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Ich betrete das Restaurant, in dem ich mich mit meinen Freunden treffen möchte, und werde von Hintergrundmusik begrüßt. Hintergrundmusik, die ich eigentlich immer als störend empfinde, da man sie nicht bewusst wahrnimmt und ihr auch nicht bewusst folgt. Es sind einfach Töne, die unsere ohnehin schon laute Welt noch lauter machen. Besonders in Restaurants mag ich die Hintergrundmusik nicht, da sie immer wieder störend in meine Gedankenwelt eindringt, sodass ich nicht ruhig nachdenken oder mich wirklich auf das Essen konzentrieren kann. Doch nicht nur das, darüber hinaus trägt sie dazu bei, dass die Gespräche im Restaurant lauter geführt werden, als sie müssten, da die Menschen zum einen die Hintergrundmusik und später meistens auch noch die anderen Gespräche übertönen wollen, wenn sie sich unterhalten. Also, was ist der Sinn von Hintergrundmusik im Restaurant? Doch höchstens Ablenkung, oder?
Doch dass Hintergrundmusik gespielt wird, lässt sich nun einmal durch mich nicht ändern und ich begebe mich zu unserem Stammtisch und stelle fest, dass ich mal wieder der Erste bin, was mir aber ganz recht gelegen kommt. Ich bin gern der Erste, da ich dann in Ruhe das Essen bestellen und es mit allen Sinnen genießen und auskosten kann, im Gegensatz zu später, wenn die Bekannten da sind, man sich unterhält und aufgrund dessen sich nur noch nebenbei Essen in den Mund schiebt, ohne es wirklich noch richtig zu genießen und den guten Geschmack voll auszukosten.

Du lebst nur einmal – Teil 3: An der Straßenbahnhaltestelle

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Es ist später Nachmittag und ich sitze an einer Straßenbahnhaltestelle und warte darauf, dass die Straßenbahn kommt, mit der ich zum Restaurant fahren möchte, in dem meine Freunde und ich mich einmal monatlich treffen. Während ich so dasitze, läuft am anderen Bahnsteig ein junges Mädchen, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, graziös auf und ab, während sie an einer Zigarette zieht, die sie zwischen Daumen und Mittelfinger hält. Schließlich schnipst sie den Zigarettenstummel auf den Bahnsteig, bevor sie eine Zigarettenschachtel aus ihrer Handtasche klaubt, ihr eine neue Zigarette entnimmt und weiter raucht. Schließlich kommt ein anderes Mädchen, ebenfalls eine Zigarette in der Hand. Die Mädchen umarmen sich, bevor sie sich auf die Wartebank setzen, wobei eines der Mädchen sich im Schneidersitz auf die Bank setzt.

Du lebst nur einmal – Teil 2: Neugier

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ich sitze am PCs und lese ein paar Nachrichten im Internet, als plötzlich ein heller Schemen an meinem Fenster vorbeirauscht. Ich blicke auf, doch es ist nichts mehr zu sehen. Habe ich mich getäuscht? Ich wende mich wieder meinem Computer zu und plötzlich sehe ich wieder etwas aus dem Augenwinkel am Fenster. Ich blicke auf und in das neugierige Gesicht der Nachbarkatze. Normalerweise hält sie immer zwei Meter Abstand zu mir. Sie lässt mich ihr nicht nahekommen, doch jetzt, durch die Scheibe getrennt, fühlt sie sich scheinbar vor mir geschützt und verzichtet auf den Sicherheitsabstand. Ich fühle mich beobachtet, wie ein Tier im Käfig und frage mich, wie es wäre, wenn ich meine Wohnung nicht mehr verlassen könnte und tagein, tagaus Tiere vorbeigingen und mich mal desinteressiert, mal neugierig anstarrten. Also fast so, als lebte ich in einem Zoo mit Menschen für Tiere. Ich stelle es mir nicht besonders aufregend vor und denke, dass es den Tieren, die wir in Zoos oder in Gehegen in unseren Wohnungen oder auf unseren Grundstücken halten, nicht besonders gut geht, vor allem, wenn wir sie nur zur Unterhaltung, zur Befriedigung unserer Neugier oder als Ware betrachten.

Du lebst nur einmal – Teil 1: Ein guter Morgen

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Ich wache auf. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens und ich habe ausgeschlafen. Man mag es kaum glauben, doch bin ich seit meiner Ausbildung Frühaufsteher und über mehrere Dekaden hat sich die Aufstehzeit in meinen Biorhythmus eingebrannt.
Ich stehe auf, kleide mich an und öffne die Rollläden.
Ich blicke aus meinem Wohnzimmerfenster hinaus und sehe am Rand des Topfuntersetzers, den ich vom Frühling bis Herbst immer mit Wasser als Tränke für Insekten und Vögel stehen habe, eine Weinbergschnecke sitzen. Es sieht fast so aus, als würde sie sich waschen. Langsam hebt und senkt sie ihren Körper auf die Wasseroberfläche und lässt sich dabei nicht stören.
Ich mache mir etwas zum Frühstück und während ich mein Frühstück verzehre, beobachte ich weiter die Schnecke.

Du lebst nur einmal – Teil 0: Prolog

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ich muss raus. Erst ein Stück laufen, um meinen Frust und meiner Wut etwas Luft zu verschaffen, und um dann mich irgendwo hinzusetzen, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen. So verlasse ich meine Wohnung und schreite kräftig aus, wobei mich meine Schritte wie von selbst an den Rand der Stadt, an einen See führen. An dem See stehen mehrere Sitzbänke, von denen ich auf einer Platz nehme und meinen Blick schweifen lasse. Langsam beruhigt sich mein in Wallung geratenes Blut und ich fange an nachzudenken.

Die vierte Wand

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Ich hole mit dem Vorschlaghammer aus und schlage zu. Wieder und wieder schlage ich zu und langsam zeigen sich Risse in der Wand. Mit jedem Schlag werden die Risse größer und langsam lösen sich einzelne Mauerstückchen. Schließlich ist ein kleines Loch entstanden, das schnell größer wird, bevor die Wand schließlich gänzlich in sich zusammenfällt.
Die Wand, die ich gerade einreise, habe ich über die Jahre, mehr oder weniger unbemerkt, selbst errichtet, so wie es viele von uns tun. Es ist eine Wand, die unsere Leben in einen Raum sperrt, von dem man aus das wirkliche Leben und die Welt höchstens noch durch einzelne Fenster sieht, aber sie nicht mehr aktiv wahrnimmt. Man kann sie nicht spüren und ist meistens auch kein aktiver Teil der Realität mehr. So sieht man zwar Menschen und die Welt, aber was wirklich geschieht, sieht man nur ausschnittsweise und verfälscht. Ferner hört man auch nicht alles, was gesagt wird, sondern nur das, was man erwartet und das ist häufig eine Verfälschung des Wirklichen.

Wahlen

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Da hängen sie wieder. An Pfeilern und Laternenpfählen hängen sie und auch einige Aufsteller sind zu sehen. Sie zieren das Stadtbild und werden uns auch noch die nächsten Monate begleiten. Es sind Wahlplakate mit meist einfachen Sprüchen, die die Wähler dazu animieren sollen, ihr „Kreuzchen“ an der richtigen Stelle zu setzen. Wobei auffällt, dass die Plakate der eher rechtsgerichteten Parteien höher hängen, als die der Anderen. Ob als Sorge vor Beschädigung oder als Übung fürs zukünftiges Aufknüpfen, sei einmal dahin gestellt.

Die verdorrte blaue Blume

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Ich lasse die Zeitung sinken und blinke in die Ferne. Ich frage mich, was nur aus unserer Welt geworden ist. Als wäre es noch nicht schlimm genug, dass es wieder mehrere Kriege gibt, die Umwelt mehr und mehr zerstört wird und der Klimawandel scheinbar ungehindert voranschreitet, nein, auch die romantische Liebe ist jetzt auch noch unter Druck. Die romantische Liebe, die scheinbar nicht mehr in unsere Zeit passt.
Der Artikel, der mich das denken lässt, heißt „Himmel, was ist Sugardating?“. Die Zeitung in der der Artikel steht, „Die Zeit“. Doch wirklich überrascht hat mich der Artikel, wenn ich ehrlich bin, auch nicht mehr, denn dafür habe ich schon vorher zu viel gelesen und auch selbst zu viel erlebt.
Doch was ist überhaupt die romantische Liebe, die in unserer Gesellschaft unter Druck gerät? Es ist die Liebe, die auf einer tiefen Zuneigung zweier Menschen zueinander basiert und über Standes- und kulturelle Grenzen hinweg wirkt. Aber vielleicht sollte ich etwas weiter ausholen.

Angst

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Ich bin auf einer Wanderung und habe mich in der Zeit verschätzt, sodass ich mich noch im tiefsten Wald befinde, obwohl es bereits dämmert. Was soll ich tun? Zurück in bewohnte Gebiete schaffe ich es sicher nicht mehr, bevor die Nacht hereinbricht. Die Nacht, die besonders dunkel sein wird, da Neumond ist und ich weit von einer Stadt oder einem Dorf entfernt bin, das mir durch seine Lichtverschmutzung, zumindest etwas, die Nacht erhellte.

Unter AFD-Wählern

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Ich befinde mich auf einer Dienstreise im Ruhrgebiet. Es ist der Nachmittag des zweiten Tages und wir befinden uns bei einem Unterlieferanten, eines Maschinenlieferanten. Wir haben den geschäftlichen Teil abgeschlossen und sprechen, wie es in solchen Fällen üblich ist, noch über dieses und jenes. Während dieses Gespräches kommt das Thema „Ukraine Krieg“ auf. Der „Ukraine-Krieg“, der bereits viele Menschenleben kostete, wobei jeden Tag noch mehr hinzukommen. Doch anstatt den Krieg zu verurteilen, bringen fünf der sieben Anwesenden zum Ausdruck, dass er uns nichts anginge und der Russe zum Teil recht habe. Die fünf Anwesenden, die wie ich, ihre Wurzeln in den neuen Bundesländern haben, begründen ihre Meinung damit, dass die NATO sich halt so weit ausgebreitet und die Russen bedroht habe, dass sie die Zähne zeigen müssten. Ferner bringen sie zum Ausdruck, dass Putin nur die Fehler rückgängig mache, die seine Vorgänger begingen, in dem sie die Sowjetunion zerfallen und die Teilstaaten in ihre Unabhängigkeit entließen.

Fällt dir etwas an mir auf?

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Es ist Montag und ich stehe gerade etwas kurzsichtig an der S-Bahnhaltestelle „Karlsruhe Marktplatz“. Kurzsichtig, da ich am vergangenen Tag durch Unachtsamkeit meine Brille unreparierbar beschädigte, was auch der Grund dafür ist, dass ich jetzt hier stehe. Ich bin hier, da ich gerade beim Optiker war, um eine neue Brille zu bestellen und mich jetzt auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle befinde.
Während ich so da stehe und auf die S-Bahn warte, spricht mich eine Frau an: „Fällt dir etwas an mir auf?“ Ich bin von der Frage irritiert und überlege, ob ich die Frau irgendwoher kenne. Doch trotz meiner momentanen, nicht durch eine Brille korrigierte, Fehlsichtigkeit, bin ich mir sicher, sie nicht zu kennen. Doch da ich direkt angesprochen wurde, lasse ich mein Blick flüchtig über sie wandern und meine: „Nein, mir fällt nichts auf.“, da ich wirklich nichts Auffälliges an ihr sehe. Auf meine Aussage hin sieht sie mich irritiert an und sagt: „Schau mich noch einmal genau an, fällt dir tatsächlich nichts an mir auf.“ Daraufhin schaue ich sie mir noch einmal genau, mit leicht zusammengekniffenen Augen, aufgrund meiner Fehlsichtigkeit, an. Bei der Frau handelt es sich um eine Frau mittleren Alters, die nicht besonders hübsch, aber auch nicht besonders hässlich ist. Sie hat kurzes, gekräuseltes Haar, keine markanten Gesichtszüge und trägt auch kein auffälliges Make-up oder auffälligen Schmuck. Auch ihre Kleidung ist von einem schlichten und zeitlosen Wesen.

Tischgespräche 1: Waffenlieferungen und Flüchtlinge

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Person 1:
Was denkst du über die Panzerlieferungen an die Ukraine?

Person 2:
Ich halte sie für richtig.

Person 1:
Meinst du nicht, dass unsere Unterstützung zu weit geht und wir dadurch den Krieg verlängern und die Situation verschärfen? Meinst du nicht, dass wir uns besser heraushalten und mit Russland verhandeln sollten?

Vom Verb „huren“ und dem Versuch ehrlich zu sein und seine Meinung zu sagen

Geschätzte Lesezeit: 16 Minuten

Vorwort:
Die folgende Geschichte ist frei erfunden. Parallelen zu lebenden oder bereits gestorbenen Menschen sind rein zufällig und wahrscheinlich der Beschreibung des Sozial- und Sexualverhaltens verschiedener Mitglieder unserer Gesellschaft geschuldet. Sollte sich trotzdem einzelne Personen oder Personengruppen durch diese Kurzgeschichten angegriffen fühlen, tut es mir herzlich leid, aber sie können sich jegliche Kritik an ihr sparen, da ich ohnehin nicht auf sie eingehen werde und darüber hinaus die Kurzgeschichte einfach nur unterhalten und zum Nachdenken anregen soll.

Damit genug des Vorwortes und viel Spaß bei der Lektüre der Kurzgeschichte.

Midlife-Crisis – Brief 9: Die Büchse der Pandora

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Liebe Freundin,
vielen Dank für deine letzte Antwort. Du schreibst, dass man ruhig mehrere Lebensprojekte parallel laufen haben kann, je nachdem wie groß die Projekte sind. Ferner bringst du zum Ausdruck, dass man auch immer wieder neue Projekte in Angriff nehmen sollte, da sonst das Leben irgendwann fad und langweilig wird.
Was diese Aussagen betrifft, so muss ich dir recht geben. Leben ohne Projekte sind trist und fad. Es sind langweilige Leben, in denen man nicht selten seine Zeit für unwichtige Dinge verschwendet und über kurz oder lang dahinzuvegetieren beginnt. Doch trotzdem bin ich der Meinung, dass man nicht immer und immer wieder neue Projekte anfangen soll, sondern auch Projekte abschließen und das besonders in der zweiten Lebenshälfte, so dass am Ende, wie im vorherigen Brief geschrieben, nicht lauter lose Enden verbleiben.